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Events New Work

Souly Side Up!

Am 12. und 13. Mai fand im Linzer Posthof das 22butterfly Corporate Karisma Festival statt – eine bunte Mischung aus Inspirationen rund um das Thema Unternehmenskultur.

Das Plakat zum Event.

“Souly Side Up! Wie Unternehmen ihrer Kultur mehr Leben einhauchen” – ein Event-Titel, gewählt mit dem Anspruch, Wirtschaftsbetriebe und Organisationen zu motivieren, ihre Kultur strategisch zu entwickeln. – Über 200 Interessierte vor Ort und unzählige mehr online folgten unserem Ruf und nahmen am 12. und 13. Mai live teil.

Und da Bilder bekanntermaßen weit mehr als erzählen als Worte, hier ein primär visueller Nachbericht aus der Perspektive unseres Fotografen Jürgen Grünwald:

Innerhalb von knapp 24 Stunden in vier thematischen Blöcken – “Soul”, “Purpose”, “Story” und “Art” – auf der Bühne: Steffi Burkhart (Human Capital Evangelistin), Simon Sagmeister (The Culture Institute), Georg Wolfgang (Culturizer), Georg Tarne (dwarfs and Giants), Franziska Fink (Beratergruppe Neuwaldegg), Patrick Rammerstorfer (Pro Active), Karin Krobath (Identifire), Herbert Kling (brandscore.at), Tim Leberecht (House of Beautiful Business), Gerhard Obermüller und Verena Hahn (Rubicom), Wolfgang Pastl (primeconcept+), Ana-Laura Lemke und Wolfgang Tonninger (Beyond Storytelling Network), Wolfgang Preisinger (Die Fabrikanten), Stefanos Pavlakis (Story Dealer), Doris Rothauer (Büro für Transfer), Cesy Leonard und Christiane Deibl (Die Radikalen Töchter). Großartig moderiert von: Ulrike Jung (hrdiamonds).

In den Diskussionsrunden: Thomas Olbrich (Culture Office) mit Silvia Schöpf (EWW) und Nicole Thurn (Newworkstories.com), Irene Bouchal-Gahleitner (Netural) mit Petra Spatt (Greiner Packaging) und Klaus Buchroithner (Vresh Clothing), Philippe Narval (SQUARE) mit Franzsika Fink (Beratergruppe Neuwaldegg), Steffi Burkhart (Human Capital Evangelistin) und Marc Mertens (A Hundred Years), Markus Pargfrieder (Responsive Spaces) mit Gerald Hanisch (Rubblemaster) und Ernst Demmel (cucocu.com) sowie Karin Wolf (Institut für Kulturkonzepte) mit Andrea Hummer (Kulturmanagerin) und Mario Sinnhofer (Künstler:in).

Breakout-Sessions boten Gerald Harringer (Die Fabrikanten), Rainer Peraus (CEOs for Future), Claudia Froschauer (primeconcept+), George El Khoury und Klaus Giller (worlk), Karin Krobath (Identifire) sowie Petra Mascher (cokreativ) an.

Das künstlerische Programm gestalteten die raumarbeiterinnen, Crystn Hunt Akron, Post Skriptum und Death Positiv.

Die Ausstellung #futurebfly enstand aus einer Kooperation mit CEOs for Future, wo wir im März und April 2022 Lehrlinge der ASFINAG, von Greiner Packaging, Nespresso Österreich und der Salzburg AG einluden, ihre Interpretation von “Nachhaltigkeit” und “Verantwortung” mit ihren Smartphones einzufangen. Begleitet wurden sie dabei von Wolfgang Lehner (Workshops, Kuration) und Cornelia Lehner (Koordination, Präsentation).

Das gesamte Programm: www.22butterfly.com.

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Events Purpose Marketing

Sinn spürbar machen

Ein übergreifendes Sinn-Bild – der Purpose – beschreibt das ideelle Fundament zur weiteren strategischen Entwicklung von Unternehmenskultur. Doch wie haucht mensch guten Absichten Leben ein? – Inspirationen dazu am 12. und 13. Mai beim “22butterfly Corporate Karisma Festival” im Linzer Posthof.

Kommen Hamsterräder zum Stillstand, springt das Personal ab. In vielen Unternehmen bot sich zuletzt ein überraschendes Bild: Mitarbeiter*innen, die dank Kurzarbeit mehr private Momente zum Nachdenken und Träumen fanden, entschieden sich nach diesen Auszeiten zu kündigen.

Wer die Sinnfrage stellt, ist in vielen Firmen bereits mit einem Fuß bei der Tür raus. Oder – für den Arbeitgeber noch bedrohlicher – auf dem Weg in die innere Kündigung. “Purpose” nennt sich jenes betriebliche Kulturgut, das in den letzten Jahren vermehrt an Bedeutung gewann: Die Sehnsucht nach Wertschöpfung jenseits des Monetären.

Unternehmen, die Fluktuation reduzieren und High Potentials an Bord halten wollen, schenken Werten und dem eigenen sozialen Gefüge größeres Augenmerk. Spätestens seit Simon Sineks berühmten TED-Talk “How great leaders inspire action” suchen viele nach ihrem “Why”. Was nicht immer rund ausfällt: Während für Nonprofits wie das Rote Kreuz oder Greenpeace der ideelle Auftrag – etwa “Leben retten” oder “Artenvielfalt schützen” – feststeht, tun sich klassische Betriebe wie IT-Spezialisten, Maschinenbauer oder Großhändler deutlich schwerer.

Seit Simon Sineks berühmten Flipchart-Auftritt sucht die halbe Wirtschaftswelt ihr “Why”.

“Wir wollen mit innovativen Produkten, guten Preisen und bestem Service unsere Kunden zu Fans machen” mag zwar als wirtschaftlich lohnendes Ziel durchgehen, sinnstiftend ist diese “Mission” nicht. Warum? Der erhoffte Impact trifft nur das Unternehmen, das sie formuliert, nicht die umgebende Welt. Besser wäre: “Wir möchten das Internet zu einem sicheren Ort machen” oder “Wir kleiden modisch ohne auszubeuten”. Hier könnte die Allgemeinheit profitieren.

Doch welche Beziehung hat man zu Stakeholdern? Welche Anliegen sind ehrlich, welche nur dem eigenen Vorteil verpflichtet? Und angesichts jüngster Erfahrungen aus der Pandemie: Welchen Schwüren kann man selbst bei Krisen oder Veränderungen treu bleiben?

Das Freilegen möglicher Issues führt zwangsläufig in eine interne Wertedebatte und hier dominieren mitunter Motive der Gründer*innen, auch wenn sie Jahre zurückliegen und in der Praxis längst an Gültigkeit verloren haben. Empfehlenswert ist es, die Auseinandersetzung nicht bloß in der Geschäftsleitung und auf diskursiver Ebene zu suchen. Seine wahre Stärke entfaltet der Purpose dort, wo ihn eine Gemeinschaft als wert-volle Aufgabe für die Zukunft mitentwickelt und -trägt – top down wie bottom up. – Und vor allem: täglich spürt.

22butterfly, das “Corporate Karisma Festival”
Am 12. und 13. Mai im Linzer Posthof: Das “22butterfly Corporate Karisma Festival”.

So braucht es mehr als Workshops und Powerpoint-Slides, um Sinn-Bildern Leben einzuhauchen. Intrinsische Überzeugung gedeiht, wo Zugänge ganzheitlich geöffnet, Emotionen geweckt werden. – Das spricht für eine Strategische Kulturarbeit, die gesellschaftliche Verantwortung, Organisationsentwicklung, Kommunikation, Design und Kunst kombiniert. Und so sind dies auch jene Felder, die am 12. und 13. Mai “22butterfly”, unser “Corporate Karisma Festival”, beleuchten wird. Die Konferenz, die wir im Linzer Posthof veranstalten – dort, wo sonst Josef Hader, Philipp Hochmair oder Tocotronic begeistern – macht es sich zur Aufgabe, Unternehmenskultur zu “verganzheitlichen”, “Purpose”, “Soul”, “Story” und “Art” zusammenzuführen.

Entsprechend interdisziplinär fällt das Programm aus. Während “House of Beautiful Business”-Gründer und Buchautor (“Der Business-Romantiker”) Tim Leberecht Pfade in eine “Schöne neue Wirtschaft” skizziert, umreißt die bekannte “Human Capital”-Evangelistin Steffi Burkhart die Mindsets ihrer eigenen (Y) und der nachfolgenden (Z) Generation. Der in der Schweiz wirkende Vorarlberger Simon Sagmeister führt in die von ihm entwickelte “Culture Map” ein und “Social Impact”-Schaffende wie Die Fabrikanten (Linz), die Story Dealer (Heidelberg) oder Die Radikalen Töchter (Berlin) zeigen, wie Interventionen Impulse liefern.

Weitere Expert:innen im Programm: Irene Bouchal-Gahleitner, Franziska Fink, Claudia Froschauer, Verena Hahn-Oberthaler, Herbert Kling, Karin Krobath, Petra Mascher-Hurnaus, Philippe Narval, Gerhard Obermüller, Thomas Olbrich, Markus Pargfrieder, Wolfgang Pastl, Rainer Peraus, Patrick Rammerstorfer, Doris Rothauer, Georg Tarne, Wolfgang Tonninger, Karin Wolf und Georg Wolfgang. Die Organisationsentwicklerin und Wahl-Wienerin Ulrike Jung führt als Moderatorin durch die beiden Tage. 

Unter dem Motto “Souly Side Up” bringt 22butterfly 25+ Programmpunkte rund um das spürbare Innenleben von Wirtschaftsbetrieben – von der Keynote bis zum New Work Poetry Slam. Ein – wie wir hoffen – inspirierender Reigen für ein aufblühendes Thema. Corporate Culture mausert sich zum Wettbewerbsfaktor Nummer eins. Dabei stellt die Mitarbeiter*innen-Bindung in Zeiten von New Work nur ein Pro dar. Ebenso wertvoll ist die Kultur für Agilität, Commitment, Innovationsfreude und Resilienz.

Weitere Infos und Tickets unter: www.22butterfly.com.


Unsere Partner:innen bei 22butterfly:

Fotos: Jason Goodman / Unsplash (Key Visual), Austin Chan / Unsplash (Purpose), Redd / Unsplash (Soul), Florian Klauer / Unsplash (Story), Jacek Dylag / Unsplash (Art), Darius Ramazani (Tim Leberecht), Simon Wegener (Steffi Burkhart), Patryk Witt (Die Radikalen Töchter), Zoe Goldstein (Die Fabrikanten), Story Dealer (Story Dealer), Maria Noi (Georg Tarne), Culturizer (Georg Wolfgang), Rubicom (Rubicom), hrdiamonds (Ulrike Jung).

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Events Purpose Marketing

What is Concrete Love?

Das House of Beautiful Business lädt zu “Concrete Love” nach Lissabon. Und feiert eine grandiose Party für einen höheren Anspruch an Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Stadt Lissabon begrüßt Gäste mit unzähligen romantischen Versprechen: jahrhundertealte Palais mit keramikgefliesten Wänden, kopfsteingepflasterte Gassen voll kleiner Läden und Fischrestaurants, bunte Straßenbahngarnituren, die Hügel hinauf- und hinabzuckeln, die Hängebrücke Ponte 25 de Abril an der Atlantikmündung des Tejo, die, wie auch die Trams, ein europäisches San Francisco beschwört … und nicht zu vergessen: kleine, puddinggefüllte Blätterteigtörtchen, die Pastéis de Nata, mit ihrem sentimentalen Soundtrack, dem Fado, die einst in die Ferne aufgebrochene Entdecker in ihre Heimat zurück lockten.

Wo also am alten Kontinent ließe sich “Schönheit” besser verhandeln, als in dieser längst untergegangenen und doch so lebendigen Welt mit nach wie vor abblätterndem Pomp statt des süßlich-selbstgefälligen Kitschs, den Wien oder Paris bei gleicher Gelegenheit zelebrieren würden. Wo sonst könnte man seine Zelte aufschlagen, um die blinden Flecken eines globalen Tech-Optimismus sichtbar zu machen, der uns zwar dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen, aber auch von vielem weg, was es fürs Glück braucht – und der trotz allem als einzige letzte Hoffnung bleibt, wenn wir auf eine Natur, die wir zerstört haben, nicht mehr zählen können?

Impressionen von “Concrete Love” / Video: House of Beautiful Business

Zum dritten Mal wählen Tim Leberecht und Till Grusche Lissabon zum Schauplatz des jährlichen Gatherings von “House of Beautiful Business” – ihres globalen Think Tanks der Sehnsüchtigen. In ihren Augen müssen der Planet, die Menschheit und ihr Motor, die Wirtschaft, in ein neues Miteinander finden; in etwas Ausgewogeneres, Ganzheitlicheres, Schöneres, wo nicht zwingend ein Aspekt das böse Schicksal des anderen begründet. Dafür laden die beiden über 100 Aktivist_innen, Denker_innen, Künstler_innen und Manager_innen aus der ganzen Welt auf eine kleine, runde Bühne in einer zum Co-Working-Space umgebauten Fabrikshalle im Gewerbegebiet Lissabons – und füllen den restlichen Space mit (gut) zahlenden Gästen. “Concrete Love” betiteln sie 2021 dieses Menü in fünf Gängen. Die Akte: I/Omission, II/Panopticon, III/Alternates, IV/Agency, V/Panspermia. Konferenz oder Theaterstück? – Wohl beides.

Die Frage “Is this your first time in the House?” begleitet mich von Freitag bis Sonntag. “Yes.” Es gibt hier im “Todos” Rookies und andere. Nicht wenige kennen einander bereits. Ich mache einzelne Gesichter aus, die mir von früheren Tech- und Trendkonferenzen in Berlin, Hamburg oder München bekannt erscheinen. Darüber hinaus: Überraschend viele Amerikaner*innen. Dies mag am Netzwerk der Veranstalter liegen, die ja selbst jahrelang in Kalifornien im Austausch waren. Die Stimmung: Offen, gelöst, ein klein wenig Bobo, kaum Business-Attitüden. Ich bin einer der wenigen alten, weißen Raucher.

Das Programm: Handverlesene Speaker*innen aus der ganzen Welt, mit teils eigenwilligen Formaten. Nicht jede oder jeder von ihnen ein Bühnenprofi, aber zu erzählen haben sie alle viel: Von der Notwendigkeit eines Wandels, vom eigenen Aufbruch, vom eigenen Hoffen, vom eigenen Scheitern, vom eigenen Erfolg. Das “Handverlesen” zahlt sich aus. Dem Gathering müssen hunderte Zoom-Calls vorausgegangen sein … und tausende Arbeitsstunden. In den Details von “Concrete Love” spiegelt sich die Liebe der Veranstalter*innen zur Materie wider. So erfüllt schon die Form von “Concrete Love” den Titel. Wie auch der Inhalt. Eine grandiose Party für einen höheren Anspruch an Wirtschaft und Gesellschaft. Sicher eine der am besten kuratierten und inszenierten Konferenzen, die ich in meinem Leben besucht habe.

Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich retour in Österreich, auf dem harten Boden der rot-weiß-roten Realität. Im Fernsehen läuft eine Nachrichten-Sendung. Wir steuern auf einen weiteren Corona-Lockdown zu. “Concrete Love” erscheint mir seltsam fern, verträumt, wie eine laut und bunt formulierte, weichgezeichnete Sehnsucht. Ich starre ins Notebook und überlege: Was an Schönheit kann ich mitnehmen? Und wieviel Kompromisslosigkeit braucht es, um ihre eine Chance zu schenken?

(…)

Kleiner Nachtrag. Weil ich gefragt wurde – und es mich ja auch beschäftigt hat: Ja, die Wette mit der kleinen Maja ging in die Hose.

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Events Purpose Marketing

Storytelling: Mit dem Feuer von Geschichten etwas anfangen

Das “Beyond Storytelling”-StoryCamp 2021 in Paretz bei Berlin zeigt einmal mehr die Kraft narrativer Ansätze für den Einsatz in Unternehmen und Organisationen.

Am Anfang war das Feuer. Dann erst das Wort. Grob gesagt. Wer weiß das schon genau. Sicher ist jedoch, dass unsere urgeschichtlichen Vorfahren mit der Verzehr von gekochtem Essen den für die Energiezufuhr nötigen Zeitaufwand extrem reduzieren konnten. So nahm (neben der Gehirnmasse) auch die Zeit für anderes zu. Für Sozialkontakte zum Beispiel – und damit verbunden dem Austausch von körperlicher, mitunter akustischer, Zuwendung.

So begann sich die Semantik von Singsang-, Schnurr- und Schmatzlauten zu differenzieren, über viele Jahrtausende hinweg. Es kamen einfache Tratschgeschichten dazu – in Form ein- oder mehrsilbiger Mitteilungen über Befindlichkeit, Rangordnungsfragen und Fehltritten, als Berichte von Jagdglück und Deutungen zu Naturphänomenen. Wir können heute annehmen, dass das Erzählen von Geschichten auf gemeinsame Momente am Lagerfeuer zurückgeht. Die Feuerschale am Eingang zum zweiten “Beyond Storytelling”-StoryCamp im kleinen, abgelegenen Ort Paretz, einige Kilometer westlich von Berlin, erinnert uns daran.

Warum ausgerechnet Paretz? Die Initiatoren des Storycamps suchen jährlich einen ganz besonderen Ort für ihr Gettogether und wurden für 2021 mit der Akademie der Helga Breuninger-Stiftung fündig: Sehr offene Architektur, idyllisch im Grünen. An die Gegebenheiten passt sich auch das Veranstaltungsdesign an. Schon bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Programm fällt auf: Es gibt keines. Keine Keynotes, keine fix geplanten Panels, kein Zeitschema. – Noch nicht.

Co-Initiator und Co-Moderator des StoryCamps, Wolfgang Tonninger, vor dem bereits gut gefüllten Timetable im “Market Place”.

Nach Ankunft erstmal Zeltaufbau. (Einige der Teilnehmer*innen campen am Gelände, andere nächtigen in Privatunterkünften im Umkreis, wieder andere in ihren Vans. Ich habe mich fürs Zelt entschieden.) Wir erfahren mehr zur Hausordnung und zum Ablauf. Methodisch erweist sich das Storycamp als sehr freies, experimentelles Format, ein Mix aus Open Space und Barcamp, bei dem Inhalt und Form einzelner Sessions von den Teilnehmer*innen selbst entwickelt oder erprobt werden. Jede*r kann sein Thema vorstellen. Ich nehme die Gelegenheit beim Schopf und präsentiere in wenigen Sätzen den von mir entwickelten Leitnarrativ-Workshop in einer Lightversion. Das Format passt perfekt zu einer der sechs zur Auswahl stehenden “Locations”: “Into the wild.”

Story-Walkabout zu den Erdlöchern

Entstanden aus mit Wasser vollgelaufenen Tongruben, präsentieren sich die Paretzer Erdlöcher heute als Vogelparadies. Manche der Tongruben waren nach 1945 auch mit Schutt aus dem bombardierten Berlin gefüllt worden. Ein Ort mit Geschichte also. Hierhin führe ich meine Gruppe zum “Leitnarrativ-Walkabout”.

Walkabouts im engeren Sinn sind Inititationsrituale für junge Aborigines, die ein erstes Mal den Weg ihres eigenen Traumpfads gehen sollen. (Traumpfade oder “Songlines” sind für die Ureinwohner*innen Australiens eine unsichtbare, mythische Landkarte, die auch gesungen werden kann.) Wir leihen uns davon nur den Titel und begeben uns – zunächst schweigend – auf eine Route, die mir meine Wander-App vorschlägt. Jede und jeder in der Gruppe startet mit einer Frage zu seinem/ihrem Leitnarrativ. Unterwegs wird notiert oder fotografiert, was ins Auge sticht oder in den Sinn kommt. Die Herausforderung dabei: Die gestellte Frage vorerst vergessen und offen sein für die Sinneseindrücke von außen …

Eine Gruppe von zehn Storycamp-Teilnehmer*innen beim Walkabout in Wildnis der Paretzer Erdlöcher.

Das Verknüpfen mit der Fragestellung muss jedoch bis zur Rückkehr ins Camp warten. Dann erst werden die notierten und fotografierten Begebenheiten mit der Frage zum Leitnarrativ in Zusammenhang gesetzt, um aus dem entstehenden Bild eine individuelle “Songline” abzuleiten. Das Auf-Distanz-gehen zum Problem und freies Assoziieren zünden inspirierende Impulse und neue Sichtweisen.

“Bisoziation” nennt die Fachsprache der Kreativitätstechniken die Herangehensweise. Der Unterschied zur Assoziation: Während diese in der Regel im selben Denkrahmen “fischt” und damit eine gewisse Linearität nach sich zieht, erzwingt die Bisoziation Brücken und Analogien zwischen zwei völlig unterschiedlichen Bezugsrahmen. Das Spektrum wird größer und bunter.

StorySlam beim Glasperlenspiel

Das Camp ist Ort zahlreicher inspirierender Begegnungen. Es zieht Story-Worker*innen aus unterschiedlichsten Bereichen an. Ich lerne Organisationsentwickler*innen, Psycholog*innen, Coaches, Managementberater*innen und Autor*innen kennen. Aber auch der Hausmeister des Anwesens wird in eine Session mitgenommen. Das Format, das ihn involviert, nennt sich “Glasperlenspiel”. (Wie jener monströse Roman von Hermann Hesse, den kaum jemand den ich kenne fertig gelesen hat und wenn, dann sich nicht mehr wirklich erinnern kann, um was es auf den hunderten Seiten defacto ging; bestenfalls an die persönliche Befindlichkeit beim Lesen in jungen Jahren.)

Vier Teilnehmer beim „Glasperlenspiel“.

Doch auch hier: Das “Glasperlenspiel” des StoryCamps zeigt – zum Glück – wenig Parallelen mit dem gleichnamigen Werk. Dafür sichert es sich einen Fixplatz in meinem Gedächtnis, weil es in seiner Form ein besonderes Erlebnis darstellt. Die Spielregeln sind simpel: Es wird zu einem zuvor festgelegten Thema einzeln und der Reihe nach (je) eine Minute frei assoziiert. Das kann rhythmisch sein, in einer Art Poetry-Slam-Duktus, muss aber keinesfalls. Zuvor Gehörtes darf an Bord, doch auch hier gilt: Nicht zwingend. Nach spätestens fünf Runden ist Schluss. Das Spannende: Ohne Widerrede und Unterbrechungen öffnen sich neue verbale, assoziative und emotionale Räume. “Das Glasperlenspiel” ermöglicht ein untereinander Kennenlernen der Teilnehmer*innen in nur wenigen Augenblicken, in einer Tiefe, die mich überrascht.

Systematisierung, Abstrahierung und Analyse durch Storylistening

Einen der interessantesten Workshops bot das belgische Unternehmen Voices That Count an, vertreten durch Steff Deprez und Nele Claeys. Sie setzen auf narrative Methoden, um komplexe Realitäten in Organisationen und Projekten zu verstehen und Teamwork wie Unternehmenskultur zu stimulieren. Ihr Methodensetting: “Storylistening” unter Einsatz des Analysetools “SenseMaker”, das – vereinfacht gesagt – Muster sichtbar macht.

Im ersten Schritt erzählen wir uns paarweise kurze Geschichten zu einer Frage aus der Arbeitswelt, etwa “Wo hat Corona etwas Wesentliches am Arbeitsplatz verändert?”. Danach tragen wir die Nummern, die uns zugeteilt wurden, auf einem Plakat ein, wo mehrere Emotionen zur Auswahl stehen (glücklich, stolz, hoffnungsfroh, frustriert, zornig, traurig, ängstlich, dankbar). Wir notieren zudem die Auswirkungen der Geschichten auf Fragen zum Inhalt, zur Organisationen und zur Zusammenarbeit im Unternehmen. Und in der dritten Runde bestimmt jede*r den Einflussgrad der Geschichte auf die unmittelbare Tätigkeit. Die Verteilung der (anonymen) Nummern auf den Charts zeigen Tendenzen und Verdichtungen.

Analyse und Auswertung der Large-scale Listening-Methode

Ich finde diesen Ansatz so spannend, dass ich von Voices That Count mehr wissen möchte und sie zum Interview einlade:

Was ist für euch der Unterschied zwischen Storytelling und Storylistening?

“Der ist nicht so klar und wir mögen auch keine Labels. Aber im Allgemeinen sehen wir Storylistening als Verbindung zweier Welten: Die Welt des Menschen, der seine Geschichte teilt, mit jener des Menschen, der zuhört. Beim klassischen Erzählen von Geschichten geht es mehr darum, der Welt die eigene Realität hinzuzufügen. Aber natürlich kann Storylistening zu Storytelling werden und umgekehrt.”

Wie würdet ihr eure Methode beschreiben?

“Wir nennen es ‘Large-scale Listening’ oder ‘Hören für das große Ganze’. Es basiert auf der SenseMaker-Philosophie und -Methode. Im Wesentlichen gehen wir von individuellen Erfahrungen aus, die Beteiligte in einer zweiten Phase selbst interpretieren. Die Antworten können als Muster visualisiert und quantitativ analysiert werden. Hier ist ‘kollektives Sensemaking’ der Schlüssel. Wir laden Stakeholder ein, Geschichten zu erzählen, die letztlich eine gemeinsame Sinnstiftung ermöglichen.”

Wie läuft das Geschichtenerzählen ab? Laut und stets mit Paaren?

“Wir versuchen, ausreichend Zeit für den Austausch zu zweit oder in Kleingruppen einzuplanen. Wenn Teilnehmer*innen ihre Story laut erzählen, ist es einfacher, die Geschichten im Kopf zu konstruieren. Die Fragen, die man vom Vis-a-vis bekommt, helfen, Details hinzuzufügen und neuen Spuren nachzugehen. Bei großen Organisationen achten wir darauf, Menschen zusammenzubringen, die selten miteinander sprechen. Es dreht sich alles um die Beziehungen, die im Moment des Erzählens entstehen. Aber es muss nicht zwingend paarweise passieren, Dreier- oder Vierergruppen sind genauso denkbar.”

Was nehmt ihr aus dem Storycamp mit nach Hause?

“Sicher die große Vielfalt an Methoden, mit denen Menschen eingeladen werden können, ihre Geschichten zu teilen. Aber auch die enorme Bandbreite zwischen der Instrumentalisierung von Storytelling und dem selbstermächtigenden Aspekten von Geschichten. Auf unsere eigene Arbeit bezogen, würden wir gerne innovative Wege in der narrativen Analyse erkunden – mit Blick auf ‘Embodied Sensemaking’, mit Einbeziehen von Kunst und Technologie. Letzteres jedoch, ohne dabei den Fokus auf den Wert menschlicher Beziehungen zu verlieren.”

Prozesse mit und ohne Feuer

In Summe sind es zahlreiche innovative und kreative Formate des Storytellings (und -listenings) für den Einsatz in Unternehmen und Organisationen, die im Zuge des Camps vorgestellt werden. Seit den 1990er Jahren wächst die Zahl der Ansätze laufend. Viele der narrativen Methoden erweisen sich heute als erprobt und ausgefeilt. Dennoch bringt der Einsatz in der Praxis auch Tücken mit sich. Mancherorts werden etwa Storylistening-Formate als alternative Formen der Mitarbeiter*innen-Befragung verstanden und führen so zu Verzerrungen, in dem etwa Geschichten in einer Weise erzählt werden, wie sie mutmaßlich sozial erwünscht sind: “Was wollen die jetzt von mir hören?” Andernorts gelten narrative Ansätze zwar als chic, weil zeitgemäß, die echte Überzeugung des C-Level-Managements, was ihre Wirksamkeit betrifft, fehlt jedoch. Und ohne “Feuer und Flamme” zu sein, wird aus dem Prozess eine seelenlose Angelegenheit mit flachem Outcome.

Das Feuer als Ort, um sich zum Geschichtenerzählen zu treffen – auch beim Storycamp in Paretz.

Letztlich hilft es auch wenig, in einem kurzweiligen Prozess ein für alle gültiges Narrativ extrahiert zu haben, das später zur Seite gelegt wird. Storys wollen täglich mit Leben erfüllt werden, um ihre Kraft zu entwickeln. Bestätigt durch Handlungen und Rituale, die stets aufs neue Geschichten, die ins Ganze einzahlen, zeugen und gebären: “Story in Progress” also …

Das Gute: Unternehmenskultur in Form gemeinsamer Werte, Normen, Symbole und eben Geschichten, die diese verständlich machen, kann wie eine Glut neu angefacht werden. Das geht. Und das dann lodernde Feuer hat auch nichts von seiner Faszination verloren.


Fotos 2, 3 und 5: Gerald Harringer
Fotos 1 und 4: Yoav Goldwein

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Events Employer Branding New Work

“Moments that matter” hinter Klostermauern

Ein konstruktives Miteinander versprach der Corporate Culture Jam in Maria Enzersdorf bei Wien. Und hielt sein Wort.

Das Gabrium in Maria Enzersdorf war zunächst Missionshaus der Gesellschaft des Göttlichen Wortes, bevor es, für den ursprünglichen Zweck zu groß geworden, in Teilen zu einem Seminarhotel umgestaltet wurde. Heute lädt das beeindruckende Backsteingebäude – immer noch hinter dicken Mauern – zum weltlichen Lernen und Austauschen in gebotener Ruhe.

Kein übler Ort also, um sich der Frage anzunähern, welche “Moments that matter” die neue Welt des Arbeitens prägen – oder zukünftig prägen sollten. So schlug der “Corporate Culture Jam”, Fixgröße unter den heimischen HR-Fachkongressen, am 22. und 23. September 2021 im Gabrium seine Zelte auf – und mit ihm rund 100 Teilnehmer*innen aus Österreich und Deutschland.

Freundliches Ambiente für freundliche Menschen: das Gabrium in Maria Enzersdorf.

Die Mittwoch-Morgen-Stimmung ist gelöst und freundlich. Als Jam-Newbie fühle ich mich willkommen und ganz ohne prüfende Initiation in die Reihen jener aufgenommen, für die der Jam längst zum jährlichen Klassentreffen geworden ist. Wer wie ich unzählige auf Attitüde bedachte Tech- und Digital-Summits besucht hat, dem fällt rasch auf, wie sehr man sich hier bemüht, aus einem Nebeneinander ein Miteinander zu machen. Was auch gelingt. – Und sich ein klein wenig anspürt wie ein überdimensionierter Sozialarbeiter*innen-Workshop.

Verletzlichkeit, Purpose und kein Sudern

Der Jam 2021 startet pünktlich und glücklich und in rosa Sneakers: Mit Maike van den Boom, Business-Glücksexpertin aus Stockholm. Sie liefert die Einsicht, dass Skandinavier*innen nicht nur um ihre Lebensqualität und ihren sozialen Frieden zu beneiden sind, sondern ebenso um ihr Mindset, das sie zu vertrauensvollen, gemeinsinnorientierten Individualisten macht. Wer wie die Wikingerenkel*innen davon ausgeht, dass jede*r in einer Gruppe einen wertvollen Beitrag liefern kann, ist auch bereit, jede*n zu hören, wenn es um Verbesserungen geht. Und das Zeigen von Verletzlichkeit (ja, doch, Wikingerenkel*innen!) fungiert als Schlüssel zu einem Beziehungsgeflecht auf Augenhöhe, in dem dies auch möglich wird.

Die Moderatorin des ersten Tags, Karin Krobath (Idenifire, rechts), mit Maike van den Boom (links).

Ebenfalls bemerkenswert: Die Keynote von Barbara Blaha, Ex-ÖH-Vorsitzende und seit 2019 “Eine von vielen” beim Momentum Institut, einem von ihr gegründeten Think Tank zu wirtschaftspolitischen Fragen. Ihr gelingen am Tag 2 des Jams begeisternde Worte zu “Purpose”, ohne diesen längst maximalstrapazierten Begriff weiter zu bedrängen. (Danke!) Sie erzählt, wie es sich anfühlt, was sie tut und wie sie’s tut. Und warum. Und lässt keinen Zweifel daran: Wer sein “Why” vor Augen hat und wie er/sie anderen oder dem großen Ganzen einen positiven Drall geben kann, bleibt motiviert.

Barbara Blaha (Momentum Institut) über “Werte brauchen ein Warum”.

Highlight Nummer drei: Die lockeren Niceherren, Roland Fink und Christian Moser, der eine CEO, der andere Organisationsentwickler (“mit einem Bein in der Kündigung”) des steirischen Ecommerce-Überfliegers Niceshops. Die Kultur des Unternehmens, das seit 2007 von null auf 500 Mitarbeiter_innen gewachsen ist und mittlerweile über 340 Online-Shops betreibt, wird laut Gründer Fink von einem Gedanken getragen: “Wer hier arbeitet, soll keinen Grund haben, feierabends Partner oder Partnerin anzusudern.” – Viele glückliche Beziehungen in Paldau und Umgebung also, “Social Impact” par excellence.

Und das Wetter spielte auch mit: Workshop im Hof.

Ja, natürlich, der Corporate Culture Jam bot noch mehr. Impulse, weitere Keynotes, Diskussionsrunden, Workshops – und vor allem besondere “Moments” mit einer großartige Begleitband aus dem Burgenland. – Und was bleibt davon? Nette neue Kontakte, ein paar feine Inspirationen – und der gute Vorsatz, auch nächstes Jahr am Klassentreffen teilzunehmen …

Ein Ereignis für sich: Manuel Komosny und Friedrich Schnalzer, die ,,EidaxlCombo”.

Fotos: Ernst Demmel

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Events Purpose Marketing

Das Leitnarrativ: Purpose als Story

Eine starke, nachhaltige Unternehmenserzählung mit einem Leitnarrativ im Kern, ist ein häufig etwas verborgener, nicht einfach zu hebender, aber wertvoller Schatz. – Prolog zu einem Workshop-Angebot.

Vor gut 2000 Jahren gründete Ex-Pharisäer Paulus von Tarsus auf Basis eines heilsversprechenden Messias-Narrativs die größte Religionsgemeinschaft der Welt. Seinem Herrn und Meister ist er selbst – außer in Visionen – nie begegnet.

Der Elektronik-Nerd und langhaarige College-Aussteiger Steve Jobs erkannte Anfang der 70er-Jahre das Potenzial des Hardware-Gurus Steve Wozniak und baute mit ihm (später ohne ihn) einen Milliardenkonzern auf.

Der rot-weiß-rote Zahnpasta-Handelsvertreter Dietrich Mateschitz entdeckte 1982 in Hongkong den asiatischen Muntermacherdrink „Krating Deang“ (“roter Stier”), passte die Rezeptur geringfügig an und füllt das Getränk nun jährlich in 4 Milliarden Blechdosen ab. In nur zwei Dekaden wurde er reichster Österreicher.

Was haben diese drei Gründungsmythen gemeinsam?

  • Reich und mächtig werden nicht immer die Erfinder oder Urheber selbst.
  • Betrachtet man einen Mythos genauer, erweist er sich als brüchig.
  • In Erfolgsgeschichten stecken häufig archetypische Elemente wie mystische Zeichen, Helden, Mentoren oder magische Waffen.
Das Leitnarrativ als prägnante Orientierungshilfe

Wie diese Elemente zueinander stehen und interagieren, das zeigen verschiedene Ansätze aus dem Storytelling. Sie finden immer bewusster Anwendung im Content Marketing, um der zunehmenden Werbemüdigkeit von Kund*innen der „Post-Advertising World“ zu begegnen. In Blogposts oder YouTube-Videos verpackte, “storyfizierte” Verkaufsversprechen helfen, die verlorengegangene Aufmerksamkeit für Marken und Produkte ein Stück zurückzugewinnen.

Weit weniger präsent ist der Einsatz von Methoden aus dem Storytelling für das Finden und Freilegen sinnstiftender Leitnarrative. Ziel hier ist es, eine vertieftere und prägnantere Orientierung zu liefern, als dies klassische Leitbilder bisher taten. Letztere wirkten, weil doch statisch, häufig bloß als Behübschung für Websites und Repräsentationsräume. Ein Erzählung, die wie ein Schatz entdeckt und zum Leuchten gebracht werden kann, weist hingegen einem Unternehmen, einer Organisation, einer Marke stets den richtigen Weg – und dies in immer neuen Zusammenhängen.

Geschichten und ihre Protagonisten veranschaulichen Zusammenhänge und ihre Folgen.

Unsere gesamte Erinnerung, unsere Wirklichkeitskonstruktion baut auf Geschichten auf. Narrative formen Persönlichkeiten – von Menschen wie von Organisationen. Unser episodisches Gedächtnis sorgt dafür, dass wir uns als am Geschehen Beteiligten erfahren können. An vergangenen, “realen” (meist verklärten) Ereignissen, aber auch an zukünftigen, “fiktiven”.

“Purpose”, “Want” und “Need”

Leitnarrative bieten Anknüpfpunkte, um Mitarbeiter*innen, Kund*innen – aber auch Lieferant*innen und andere Stakeholder – mit der Unternehmensvision oder dem Markenkern zu verbinden und das “Why” eines Betriebs emotional aufzuladen. Nach den Erkenntnissen der Gehirnforschung führen so durch “Innere Bilder” (“Mental Images”) stabilisierte Beziehungen zu den erfolgreichsten Effekten, etwa bei Lern- und Merkprozessen. Vor allem aber, was Loyalität und Commitment betrifft.

Die entscheidende Frage: Sind Sie bereit für eine Suchmission, für eine Helden-Reise? Und wenn ja, was ist Ihr WANT und was Ihr NEED?

Die in packenden Unternehmenserzählungen verborgenen Prinzipien sind erlernbar und können in allen Bereichen der Corporate Culture angewandt werden. Ein Leitnarrativ beinhaltet eine übergeordnete „Moral der Geschicht’“, die vertrauensbildende, sinnstiftende Vision, den “Purpose”. Darin eingebettet findet sich mit dem etwas profaneren „Want” ein – in der Regel – grob quantifizierbares Ziel, auf das ein Team, ein Unternehmen, eine Organisation zusteuern möchte. Die Rückseite der Medaille bildet das häufig weniger bewusste „Need“, das verborgene Sehnsüchte oder eigentliche, grundlegendere Bedürfnisse repräsentiert. Im Sinne einer nachvollziehbaren Entwicklung ist es essentiell, auch diese Seite zu beleuchten. Und hier nicht bloß das eigene „Need“, sondern auch jenes der Kund*innen – der internen wie externen.

Ein Beispiel aus der Nachbarschaft: “Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.” – Dieses von Goethes „Faust“ geliehene Zitat wurde leicht adaptiert und ziert seit 1992 als Claim „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ die von Götz Wolfgang Werner 1973 in Karlsruhe gegründete und heute überall präsente Drogeriemarktkette „dm”. Dieser auf den ersten Blick einfache Satz unterstreicht den Purpose: Der Kunde ist weit mehr als nur Verbraucher, sondern „Mitmensch und Partner“. Und wenn man, wie der bekennende Antroposoph Werner, das Ursprungszitat ernst nimmt, so schließt das die rund 63.000 Mitarbeiter*innen von dm nicht nur ein, sondern setzt sie gleichberechtigt an erste Stelle.

Mehr als Shampoo, Babywindeln und Haarschnitt

Folge dieses – im Laufe der Unternehmensentwicklung – identifizierten “Needs” sind etwa die erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten Ausbildungskonzepte für dm-Lehrlinge, von Werner „Lernlinge“ genannt. Die jungen Mitarbeiter*innen werden ganzheitlich mit der innovativen und offenen Kultur eines „lernenden” Unternehmens vertraut gemacht.

An diesem Beispiel sieht man gut die wechselseitige Verschränkung von Unternehmens- und Konsumentenerzählung. Wichtig ist dabei der Perspektivenwechsel, um die unterschiedlichen Rollen und Bedürfnisse zu erkennen. Im einen Narrativ hat das Unternehmen die Rolle des Protagonisten, im anderen die des Mentoren.

Was ist mit Mentor genau gemeint? In einer Erzählung wird der Protagonist häufig von einem Mentor bestärkt, seinem Ruf (seiner Aufgabe) zu folgen. Dabei unterstützt der Mentor den Helden immer wieder auf dessen Reise zum Ziel. In der Literatur sind es Gutmeinende wie der Zauberer Gandalf aus “Herr der Ringe”, der hier den Hobbit Frodo fordert und ihm hunderte Seiten oder Filmminuten lang beisteht. Häufig gereicht der Mentor dem Helden eine magische Waffe oder hilft ihm, eigene verborgene Kräfte freizulegen. (Auf den – durchaus spannenden – Aspekt der “magischen Waffen”, möchte ich hier nicht weiter eingehen, um den Rahmen nicht zu sprengen. Aber auch diese sind für Leitnarrative von Bedeutung.)

In obigem Beispiel ist die Marke dm Mentor für den Konsumenten – auf dessen Lebensstil- und Gesundheitsreise. Man möchte nicht einfach nur ein Drogeriemarkt sein, sondern die wahren “menschlichen” Bedürfnisse der Kunden erkennen und ein perfektes Angebot an Produkten und Dienstleistungen in bester Shopping-Atmosphäre und zu fairen Preisen bereitstellen. – Die “wahren” Bedürfnisse sind aus “Want”- oder “Need”-Perspektive betrachtet deutlich mehr als ein Shampoo, Babywindeln oder ein Haarschnitt.

Eine emotionale Bindung, die überdauert

Unternehmenskommunikation lebt vom Vertrauen. Kund*innen und Mitarbeiter*innen glauben einer Geschichte, wenn sie diese zu ihrer gemacht haben. Dazu gehören auch Hindernisse oder Fehler des Helden, seine inneren wie äußeren Konflikte und ihre (anstrengende, nicht gesetzte) Überwindung. Dies alles hilft einem Publikum, sich in eine Story emotional einzuleben und macht den Protagonisten – im Leitnarrativ eben das Unternehmen, die Organisation oder die Marke – zu einer authentischen Projektionsfläche. Extern wie intern: Bei Herausforderungen bestärkt das Leitnarrativ als Glaubensbekenntnis, sich auf eigene Stärken zu besinnen.

Nicht erst seit den jüngsten Krisen gewinnt “Purpose” massiv an Bedeutung. Heute erwarten Kund*innen wie Mitarbeiter*innen von Unternehmen, Organisationen und Marken, dass diese verantwortungsbewusst agieren, für Werte einstehen. Diese Überzeugungen wollen sie aufrecht und fassbar geschildert bekommen. Dort, wo Kundenbedürfnisse in den Mittelpunkt rücken, in Form einer Konsumentenerzählung, die das “Need” beschreibt.

Das Christentum, Apple und Red Bull verdanken ihren Appeal einfachen, aber packenden Storys, die nicht nur Millionen begeisterten, sondern dies auch weiter tun werden: Gute Geschichten erheben sich über die Zeit. Immer vorausgesetzt, man enttäuscht sein Vis-a-vis nicht: Mit dem Leitnarrativ wird Kund*innen wie Mitarbeiter*innen ein Versprechen gegeben, dass es zu halten gilt.


Leitnarrativ-Workshop
mit Gerald Harringer

Für alle, die neugierig geworden sind, für ihr Unternehmen oder ihre Organisation ein lebendiges und authentisches Leitnarrativ unter professioneller Anleitung freizulegen und zu beleuchten, biete ich ab September 2021 zweiteilige Einzel- oder Team-Workshops auf Basis eines bereits erprobten Formats.

Mit der Auseinandersetzung und dem Ergebnis einher gehen eine Schärfung der Positionierung, positive Effekte fürs Teambuilding sowie – ganz allgemein – eine Verbesserung der Unternehmenskultur wie -kommunikation. “Der Schatz alleine ist wertlos, die Geschichte des Schatzes ist das Wesentliche.”

Aber Achtung: Meine Workshops finden nicht nur in Seminarräumen statt!

Das etwas andere “Ich-habe-Interesse-Formular” unter
https://storyplexia. fabrikanten.com.


Noch eine Bemerkung zur Textgestaltung: Ich habe bei Begriffen wie “Held”, “Protagonist”, “Mentor” zugunsten der Lesbarkeit auf eine weibliche bzw. diverse Form (mit *) verzichtet. Selbstverständlich sind hier alle Geschlechter gemeint.


Fotos:
Key-Visual “Turn to clear vision”: Matt Noble | Unsplash
Foto “Jury”: Die Fabrikanten
Foto “Yes / No”: Erich Goldmann
Foto Gerald Harringer: Leah Hochedlinger

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Purpose Marketing Events Meinung

“Romantiker*innen wissen, dass es immer noch eine andere Welt gibt”

Diesen November lädt “The House of Beautiful Business” willige Wirtschaftsromantiker*innen zu einem wilden, inspirierenden Gathering nach Lissabon. Tim Leberecht, verantwortlich für diese sehnsüchtig-kreativen Ausschweifungen, über die Schönheit und Bedeutung von Luftschlössern.

Erstmals sah und hörte ich Tim Leberecht vor ein paar Jahren in Hamburg. Auf der Bühne der “Next”, einer zu dieser Zeit angesagten Digitalkonferenz. Er sprach über die Notwendigkeit von Romantik in der Wirtschaft. Und er sprach mir aus dem Herzen. Schon am nächsten Tag bestellte ich sein Buch “Der Business-Romantiker – Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben”, um es zu verschlingen. Später weitere zwei Exemplare, um sie meinen Kunden zu schenken.

Tim Leberecht bei der Next Conference 2015.

Tim ist ein vorerst ins alte Europa heimgekehrter Silicon Valley-Manager, Erfolgsautor, Berater und Vordenker sowie Co-Gründer der “Business Romantic Society”, welche wiederum die Community “The House of Beautiful Business” hostet (“to make humans more human and business more beautiful”). Im Coronaherbst 2020 erschien sein zweites Buch, “Die Diktatur der Gewinner – Wie wir verlieren können, ohne Verlierer zu sein”. Diesen Sommer übersiedelt er von Berlin nach Portugal. Ende Oktober lädt er dort zu “Concrete Love”.

Und nun sitzt er mir, gut gelaunt, im Zoom-Call gegenüber.

Der Begriff “Schönheit” scheint wieder in Mode zu sein. Siehe “House of Beautiful Business”, aber auch “Zentrum für politische Schönheit”? Welche Idee steckt hinter diesem Begriff? Was kann “Schönheit” gesellschaftlich, was Moral nicht kann?

“Ich denke auch, dass wir eine Rückbesinnung auf Schönheit erleben. Schönheit war ja stets mehr, als eine rein ästhetische Qualität: Die Vorstellung von einem harmonischen Leben mit der Umwelt, mit anderen Menschen, mit dem Kosmos an sich; eine Wertschätzung von Dingen, die nicht greifbar sind. Und dieses Ungreifbare, Unmessbare, Unermessliche … das ging durch die Industrialisierung, durch ihren Effizienzzwang, verloren.

Wir haben nach den Optimierungs-Exzessen, die mit der Digitalisierung einher gingen, gemerkt, dass dies in der Wirtschaft nicht reicht. Es fehlt etwas. Andere Werte, andere Lebensentwürfe müssen eine Rolle spielen. Und so rückt der Begriff “Romantik”, der ja, zumindest in meinem Schaffen, der Vorläufer des Begriffs “Schönheit” war, in den Vordergrund.

“Wir lernen zu verstehen, dass Menschen ihre Arbeit auch schön machen können – und dass dies vielleicht das Einzige ist, was bleibt.”

Tim Leberecht

Als wir das “House of Beautiful Business” initiierten, war der Name dann auch Provokation. Viele Businessleute meinen, Schönheit sei Luxus. In der Wirtschaft ginge es um Produktivität, um Erfolg, um Rendite. Aber gerade vor dem Hintergrund von Automatisierung und künstlicher Intelligenz lernen wir zu verstehen, dass Menschen ihre Arbeit auch schön machen können – und dass dies vielleicht das Einzige ist, was bleibt.”

Wie darf man das verstehen?

“Eine Arbeit schön zu machen, also mit Fantasie, mit Hingabe, mit Empathie, auch mit einem gewissen Ermessensspielraum … das ist etwas zutiefst Menschliches. Deshalb denke ich auch, dass sich die Bedeutungen von “Schönheit” und “Moral”, um auf deine Frage zurückzukommen, überlappen.

So gibt es Bestrebungen, die Rechtssprechung zu automatisieren. Eigentlich sollten Algorithmen die bessern Richter sein, weil sie weniger Fehler machen und mehr Informationen miteinbeziehen können. Aber der Mangel an Flexibilität ist tatsächlich ein Problem. Es braucht Spielräume, um Gnade walten zu lassen. Das erst ermöglicht Gerechtigkeit.”

Was hat dich zu diesen Einsichten geführt? Zu dieser Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben?

“In seh’s als Heimkehr. Mein Großvater war Filmemacher, mein Vater Betriebswirt. Ich hatte beide Stränge angelegt, das Kaufmännische und das Künstlerische. Und die Schnittstelle zwischen Business und Geisteswissenschaften ist jetzt so ein bisschen mein Zuhause geworden.”

Eigentlich warst du Musiker, habe ich gelesen …

“Ja, ich hab’ ein paar Jahre versucht, als Musiker zu leben. Leider war das kommerziell nicht von Erfolg gekrönt. Aber doch wahnsinnig lehrreich. Gleichzeitig empfand ich Business immer schon als großes Abenteuer, in dem man sich ausprobieren kann. Und so kam ich nach Silicon Valley und blieb neun, zehn Jahre lang. Dabei hab’ ich in vielen Situationen durchaus gelitten, wie eben jemand der von der Kunst oder den Geisteswissenschaften kommt. Und ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass in der Wirtschaft alles so eng ist, so sehr auf einen kleinen Ausschnitt reduziert wird. Manche Investoren denken tatsächlich eindimensional und menschliches Wohlergehen spielt für sie kaum eine Rolle. Nach einer Zeit erkannte ich dann, dass ich mich nicht anpassen muss, dass es hier subversive Gegenstimmen braucht, die Dinge glaubwürdig in Frage stellen. Mit 40 schrieb’ ich dann mein erstes Buch (Anm.: “Der Business-Romantiker: Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben”, Droemer Verlag).”

Wie würdest du dein Bild einer “romantischen” Wirtschaft skizzieren? Was unterscheidet sie? Wie ticken romantische Manager*innen?

“Ich glaube, romantische Manager*innen wissen, dass es immer noch eine andere Welt gibt, eine andere Wahrheit oder Perspektive, nicht bloß eine nüchtern-finanzielle Sicht. Und sie sind in der Lage, ihrer Intuition zu folgen. Ein romantischer Chef sagt schon mal, “aufgrund der vorliegenden Daten müsste ich die Entscheidung so treffen, aber mein Gefühl sagt mir, nein, hier geht es nicht nur um Zahlen.” Und: “Ja, ich habe diese Freiheit!” – Das ist zutiefst romantisch.

Romantische Manager*innen verbindet eine breite emotionale Landschaft, die auch sogenannte negative Emotionen umfasst: Zwischentöne; Melancholie oder Trauer. Sie müssen sich nicht immer nur glücklich geben.

Und es zählen Vorstellungskraft und der Mut, irrelevant zu sein oder irrelevante Gespräche zu führen, dazu. Das sind potenzielle Quellen für Innovationen. Wenn wir immer tun, was relevant erscheint, werden wir nie was Neues machen. Träumen, Fantast sein, raus aus der vielzitierten “Box”, Denker*innen und Künstler*innen einladen, um gemeinsam zu spinnen: “Luftschlösser bauen können” beschreibt diese Qualität am besten.”

Ich kenne das am ehesten aus eigentümer*innengeführten Unternehmen. Dort, wo Gründer*innen selbst am Werk sind. In anderen Betrieben erscheint es schwieriger, solche Gefühlswelten zuzulassen.

“Zugang findet man hier nur über Erfahrungen, über eigene Emotionen. Ausschließlich mit Büchern, Folien, Zahlen, Daten, guten Argumenten … wird es nicht funktionieren.

So veranstalten wir (Anm.: House of Beautiful Business) zum Beispiel regelmäßige Abendessen. Sie sind eine Einladung, in eine andere Welt einzutauchen. Und viele kommen, weil sie schon ahnen, dass da noch mehr ist, aber nicht wissen, wie sie es einordnen sollen. Selbst unser jährliches Veranstaltungsflagschiff in Lissabon ist zunächst nur eine Einladung, sich fallen zu lassen. Die einen kehren anschließend nach Hause zurück und es tut sich nichts. Für sie war’s einfach bloß nett. Andere krempeln ihre Organisationen um, ändern ihr Führungsverhalten oder lassen mehr Zwischentöne zu.”

“Zugang findet man nur über Erfahrungen, über eigene Emotionen. Ausschließlich mit Büchern, Folien, Zahlen, Daten, guten Argumenten … wird es nicht funktionieren.”

Tim Leberecht

Wenn hier die Balance zwischen Rationalem und Irrationalem wieder etwas zugunsten des Irrationalen verschoben werden soll, wie kann man dem Umstand begegnen, dass die sichtbarsten Proponent*innen des Irrationalen zuletzt aus einem sehr schrägen Eck kamen: Klima- und Corona-Leugner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen, Trump-Gefolge …

“Die Gefahr, im falschen Kontext zu erscheinen, ist wohl immer gegeben. Romantik hat eine ihre dunkle Seite, die ich nicht schönreden will. Sie hat in den Faschismus geführt. Aber unsere Antwort darauf kann nicht sein, sich auf reine Rationalität zurückzuziehen. Ich glaube, rechtsextreme Bewegungen, die AfD, Corona-Leugner*innen oder Trump-Anhänger*innen haben deshalb gute Chancen, weil wir den emotionalen Resonanzraum in der Mitte der Gesellschaft aufgegeben haben. Es bräuchte in der Politik – und da spreche ich für die deutsche, die österreichische kenne ich nicht so gut – echte Visionen und mehr Emotionalität. Aber eben mit Themen, die nicht von den Rändern und den extremen Ideologien vorgegeben werden.”

Im Gespräch mit “Business-Romantiker” Tim Leberecht (links).

Woran machst du fest, dass es überhaupt Zeit für diesen Wandel ist? Sind es nur die bekannten Krisen oder siehst du auch andere kulturelle Indikatoren?

“Eine gute Frage. Wir sind in jedem Fall in einem Endgame und merken, wie die bestehenden Narrative und Systeme auslaufen. Über das Datenzeitalter sind wir wohl hinweg. Ich denke, was ansteht, ist das Überwinden der Anthropozentrizität. Dass wir merken: Der Mensch steht doch nicht im Mittelpunkt.

Zweitens: Wir bewegen uns von einer extrahierenden zu einer generativen Wirtschaft. Das ist die vielbeschworene ökologische Marktwirtschaft, die durch Deep Tech noch deutlich fundamentaler wirkt. Das beste aktuelle Beispiel: Die Covid-19-mRNA-Impfstoffe. Technologien und Plattformen, die so smart sind, sich selbst zu erneuern; die auch nicht mehr so viele Ressourcen verbrauchen.

“Was ansteht, ist das Überwinden der Anthropozentrizität. Dass wir merken: Der Mensch steht doch nicht im Mittelpunkt.”

Tim Leberecht

Und es spielt, befeuert durch Quantencomputing, das Auflösen der binären Logik mit in den Wandel. Wir sind an einer Zeitenwende, wo wir einerseits eine neue Emotionalität, eine neue Innerlichkeit erleben werden, andererseits aber auch Technologien wie Nature-Co-Design oder synthetische Biologie, die plötzlich völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Das Binäre tritt zugunsten einer Vielfalt an Wahrheiten und schöpferischen Möglichkeiten zurück. Die nächsten Jahre werden eine dramatische Zeit, ein extremer Aufbruch, verstärkt auch durch die Pandemie. Jedenfalls unheimlich spannend.”

Du siehst also zwei Paradigmen, die an Bedeutung gewinnen: die Wissenschaft und die Kunst?

“Ja, das ist vielleicht so, dass Wissenschaft und Kunst wichtiger werden – im Gegensatz zu Business und Management. Die Wissenschaft durch die Potenz, die sie jetzt entfaltet, die Kunst als Interpretin, Wissensdeuterin, Lebenscoach, Fantastin. Eine interessante Vorstellung – und im Grunde das, was wir im “House of Beautiful Business” verhandeln, auch im Herbst in Lissabon.”

Du hast jetzt Lissabon schon mehrfach angesprochen. “Concrete Love – The Making of Beautiful Business” heißt eure Veranstaltung und dauert vor Ort von 29. bis 31. Oktober. Anschließend folgen vier Wochen mit “Actions” online. Was darf man sich erwarten?

“Es wird sehr theatralisch, wie beim griechischen Theater gibt es fünf Akte. Dazu drei thematische Stränge, 50 Speaker*innen, viele sehr kreative Formate. Im Grunde ist es eine große Learning Journey, eine Expedition. Das Thema “Concrete Love” deutet ja schon darauf hin, dass es um die Spannung zwischen dem konkret Materiellen und dem Unfassbaren geht. Das ist ja, was wir jetzt erfahren: “Back to basics”, Pragmatik, Wiederaufbau versus jener Sehnsucht, die durch die Innenschau der letzten 16 Monate gewachsen ist: Im Einklang mit unseren Gefühlen, mit unseren Lieben sein. Und dies nicht mehr missen wollen.”

Concrete Love – The Making of Beautiful Business”
Freitag, 29. Oktober bis Sonntag, 31. Oktober 2021 in Lissabon / Portugal
Online Follow up bis Freitag, 26. November
https://houseofbeautifulbusiness.com/concrete-love

Lissabon ist im November Schauplatz von “Concrete Love”.

Klingt superspannend. Wäre da nicht die Unsicherheit aufgrund der Pandemie, säße ich schon auf meinen Koffern. Steht jedenfalls als “must” in meinem Kalender.

“Die Veranstaltung findet zum fünften Mal statt, zum vierten Mal in Lissabon. Ich liebe diese Stadt. Vielleicht, weil sie die der Entdecker ist, durchzogen von einer gewissen Wehmut und Melancholie. Sie erinnert mich an San Francisco. Dieses Licht und ihre Offenheit. Die Westküste Europas, wo alte und neue Kräfte aufeinander treffen.”

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Fotos:

Porträt Tim Leberecht: Darius Ramazani
Videocall: Ernst Demmel
Buch-Cover: Droemer Kaur Verlag
Lissabon: Unsplash | Julian Dik 

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Events Kunstprojekte Wissen

Social Exhib: Meine Story, mein Anker

Wie partizipative Ausstellungen (Re-)Präsentationsflächen in Teilhaberäume wandeln. Persönliche Erfahrungen aus zwei Projekten fernab des klassischen Kunstbetriebs.

November 2012. Anlässlich eines Besuchs unserer kroatischen Partneragentur Bruketa Zinic verfing ich mich frühabends im „Museum of Broken Relationships“, einer Dauerausstellung von Partnerschaftsschicksalen in einem kleinem Barockpalast in der Zagreber Altstadt. Ob nasenloser Gartenzwerg aus Laibach, Fake-Brüste aus Belgrad, Hundehalsbandlicht aus Berlin oder rote Perücke aus New York: Jedes der zahlreichen Exponate erzählte hier seine Geschichte. In Summe der Sound ganz persönlicher Erinnerungen jener Loslassenden, die die diese Stücke gebracht oder geschickt hatten; intime Einblicke, weshalb ausgerechnet diese alten, entbehrlichen Dinge denkwürdige, in Brüche gegangene Beziehungen manifestierten. So traurig das Thema, so fasziniert blieb ich an diesem Abend bis zum Zusperren in der Ausstellung.

Museum of Broken Relationships, Zagreb. Fotos: Mare Milin (2), Alan Vajdic.

Keine andere Form hätte das schmerzhafte Vergehen der Liebe dramatischer, mitfühlender, humorvoller oder schöner in Szene setzen können, als diese Sammlung. Sehr wahrscheinlich wären die meisten Erzähler*innen daran gescheitert, eine fiktive Realität so unperfekt, zufällig und obskur zu verfassen. Der Eindruck aber, tatsächlich Erlebtes zu sehen, „wahrhaftig“, im Originalzitat, mit einem (fast) greifbaren Ausstellungsstück als stummen Zeugen, machte selbst aus kleinen Begebenheiten eine große Sache. Auf was ich hier in Zagreb stieß, war eine mitreissende Schnittmenge aus partizipativer Kulturarbeit, Oral History, Alltagssoziologie und Storytelling.

Eine Neudefinition von „Zuhören“

Etwa zur gleichen Zeit suchte die Diözese Linz Ideen für ein Profilprojekt, um das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht nur in dessen Sinne zu feiern, sondern zum Anlass zu nehmen, zentrale Gedanken dieses Aufbruchs zu erneuern. Von 2013 bis 2015 sollte ein dreistufiger Prozess vom „Zuhören“ über das „Deuten“ zum „Handeln“ führen. Als „Aggiornamento“ bezeichnete Papst Johannes XXIII. die Öffnung seiner Glaubensgemeinschaft – und eine Öffnung sollte auch mit dem Erinnern daran einher gehen. „Zuhören“, so war damals die Ausgangsidee, könnte bedeuten, über eine wissenschaftliche Studie herauszufinden, wie es den Menschen in Oberösterreich wirklich geht. Wo im Alltag der Schuh drückt und wo die Kirche in der Begleitung ansetzen sollte.

Unter dem Eindruck des „Museums of Broken Relationships“ und einer Memory Wall bei einer im Amsterdamer Tropenmuseum besuchten Ausstellung zum Thema „Tod“ („Death Matters“), schlug ich den Projektverantwortlichen der Diözese vor, das Zuhören als „Social Exhib“-Projekt zu realisieren; die Menschen in den Pfarren einzuladen, ihre Gefühle, Erfahrungen und Geschichten miteinander zu teilen. Die Idee begeisterte und wir schufen „LebensZEICHEN“, eine achtteilige, partizipative Ausstellungsserie. Ein Projekt, an dem sich rund um die Diözese acht Pfarren (Perg, Kirchheim im Innkreis, Attnang-Puchheim, Linz, Bad Ischl, Sarleinsbach, Steyr, Grieskirchen), die Katholisch-Theologische Privatuniversität, das Katholische Bildungswerk und die Kunstuniversität Linz beteiligten.

LebensZEICHEN: Plakate, Objekte, Ausstellungen. Plakate: Netural, Fotos: Violetta Wakolbinger.

Jeweils zwei Begriffe bildeten die thematischen Pole für eine Ausstellung, bewusst so gewählt, dass sie viele biografische Berührpunkte finden: „Alt/Jung“, „Lärm/Stille“, „Geburt/Tod“, „Gemeinsam/Allein“, „Krank/Gesund“, „Mut/Angst“, „Nähe/Ferne“ und „Frust/Freude“. Die Menschen in den teilnehmenden Einzugsgebieten waren aufgerufen, Objekte zu bringen und dazu ihre Geschichten zu erzählen, wie schon im „Museum of Broken Relationships“. Mit einem Unterschied: Eine Trennung auf Dauer verlangten wir bei LebensZEICHEN nicht, alle Leihgaben gingen nach den Ausstellungen an ihre Eigentümer*innen zurück. Und die Orte? Zunächst sollten leerstehenden Geschäftslokale Locations sein, weil mitunter auf Stadtplätzen oder sonstwie mitten im Geschehen. Aufgrund des Vorlaufs und der vorhandenen Infrastruktur erwiesen sich Gemeinde- und Bildungseinrichtungen, Krankenhausfoyers und Kulturstätten als die machbareren PopUp-Alternativen. Wichtig jedoch: Raus aus den üblichen Einrichtungen der Kirche!

TV-Bericht von Austria24.tv zur ersten Ausstellung von “LebensZEICHEN” im oberösterreichischen Perg.

Über 400 Exponate ergaben den Kern der acht auf jeweils zwei Wochen angesetzten Social Exhibs. Zudem war eine Teilnahme via Instagram möglich, also auch ein Fern-Einbringen von Fotos zu den jeweiligen Themen. Ein echter Erfolg: Tausende Menschen besuchten von Oktober 2013 bis März 2014 die Ausstellungen, lasen die Geschichten – und erzählten auf den Vernissagen und Finissagen ihre eigenen. Es entstand eine Website, ein 330 Seiten starker Bildband – und tatsächlich, wie ursprünglich am Radar, eine wissenschaftliche Studie. Natürlich war LebensZEICHEN ein Projekt, das in seiner Dimension nur möglich wurde, weil man über die beteiligten Pfarren auf unzählige ehrenamtliche Helfer*innen zurückgreifen konnte. Aber auch ein Projekt, das ein mutiges und modernes Verständnis von Kultur zeigte – spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr eine neue Stärke der Diözese Linz. Ich selbst bin nicht gläubig, dennoch habe ich bis heute das befriedigende Gefühl, mit der Idee zu LebensZEICHEN das „Aggiornamento“ in den Augen Johannes XXIII. wirklich gut getroffen zu haben.

Die Summe vieler Teile

Ein paar Jahre später, 2018, stand ein völlig anderes Ereignis an. Wieder ein Jubiläum, diesmal allerdings „nur“ ein 20-jähriges, wenngleich für den “inneren Kreis” nicht minder spirituell: Mein langjähriger Dienstgeber, Netural, feierte seine Gründung (und die spannende Zeit seither). Netural schlüpfte in der Studentenwohnung von Lydia und Albert Ortig als – wie es damals noch hieß – „Agentur für Neue Medien“ und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem führenden Entwickler digitaler Services. Ich war bei Netural abseits meiner Kundenprojekte für Public Relations und Business-Events verantwortlich. So lag es an Lydia und mir, den Feierlichkeiten eine Form zu geben.

Das Unternehmen konnte auf eine lange Tradition kreativer Veranstaltungen zurückblicken: Drei internationale Konferenzen, legendäre, künstlerisch angehauchte Herbstfeste, stimmige Kundenevents, Vernissagen, beliebte Familiengetogethers, jährliche Mitarbeiter*innen-Tage. Die Latte für eine 20-Jahre-Sause lag hoch, zumal diese ja auch alle mitnehmen sollte: das Team, Ehemalige und Spin-offs, unsere Vis-a-vis bei den Kunden und langjährige Freund/innen des Hauses. Nur Politiker*innen und Journalist*innen nahmen wir von der Liste. Schließlich sollte die Feier „für uns“ sein und kein PR-Stunt. Als Location wählten wir die „Étage Lumière“ in der Tabakfabrik Linz – mitunter, weil nur wenige Schritte von unserem Office entfernt. Als Termin den 4. Oktober 2018. Als Titel „Love“.

Einen gewissen Hang zur Qualität vorausgesetzt, lassen sich Fragen zu Live-Musik und Catering konventionell und doch stilsicher beantworten. Eine außergewöhnliche Atmosphäre zu dekorieren, ist schon nicht mehr so einfach. Aber wir wollten mehr, schließlich sollten Gäste an diesem Abend unsere Schwingungen erleben, möglichst unmittelbar spüren, wie wir uns selbst wahrnehmen, als Summe unserer Aspekte und Momentaufnahme einer Entwicklung. Ein „Best of Netural“ und doch keinesfalls eine Leistungsschau. Mir fiel Peter Greenaways großartige Ausstellung „100 Objects to represent the World“ ein, die 1992 in der Wiener Hofburg, im Semper Depot und in der Akademie der bildenden Künste zu sehen war. Und auch das Thema „Partizipative Ausstellungen“ hatte mich stets weiter verfolgt.

LOVE – 20 Jahre Netural: Die Exponate. Fotos: Martin Sighart | Netural.

So machten wir uns dran, mit allen Netural-Mitarbeiter*innen eine Social Exhib zu initiieren, die genau nur eine Party lang zu sehen sein würde: „20 Objects to represent Netural“. (Unschwer zu erkennen: Mein Faible für gestohlene geborgte Titelzeilen. „Love“ zitierte übrigens das Bühnenbild der Get Well Soon-Tournee 2017.) Greenaways Konzept selbst wandelten wir ab. Wir trugen nicht nur Dinge zusammen, die Netural „mit Röntgenaugen durchleuchten“ sollten (O-Ton Facebook-Post), wir verwoben uns selbst in die Exponate – mittels Fotos, Videosequenzen, Zitaten, statistischen Zahlen. Das Kuratieren und Inszenieren legten wir in die Hände des Designers, Künstlers und DJs Franzthomaspeter (seit 2019: Fred Kobayashi), der schon bei früheren Festen für sperrigschöne Ambiente verantwortlich zeichnete und somit längst Teil unserer Familie war. Dank seines G’spürs entstand eine liebevoll-ästhetische Galerie mit viel feinem Humor, kaum Sentimentalität und dem Show-off-Regler auf null gedreht: die Bleistift-Evolution, Neturals verwunschener „Einhornwald“ im Terrarium, 56 liebste „Love-Momente“, ein essbares „Stück vom Glück“ oder „60 Shades of Bunt“ als Hex-Hex, um nur einige der Stationen zu nennen. Unsere 300 Gäste staunten.

Das Resümee auch hier: Ohne die Partizipation der Mitarbeiter*innen wäre das Ergebnis ein anderes gewesen. Nicht zwingend ästhetisch schwächer, doch weitaus weniger emotional. Natürlich kann man geteilte Erinnerungen und gar zu persönliche Artefakte als Duselei abqualifizieren. Der Grat mag mitunter schmal sein. Form und Inszenierung – Bühnenbild, Kostüm, Text, wenn man so möchte – bleiben im günstigsten Fall Aufgabe der Kunst. Doch wir alle sehnen uns danach, Teil einer Geschichte zu sein, die eigene Story in einem übergeordneten Narrativ zu verankern – heißt dies doch schlicht, Bedeutung zu erfahren. Sich und andere in einer Erzählung wiederzufinden, bindet. Auch dort, wo man jemanden nicht persönlich kennt. Und allein zu wissen, dass das Zusammengetragene auf tatsächlichen Begebenheiten beruht, macht einen enormen Unterschied. „Employee Generated Storys“ schaffen eines: Unmittelbarkeit. Sie wandeln ihre Aufführungsorte in Unternehmen oder Organisationen von (Re-)Präsentationsflächen in Möglichkeiten- und Teilhaberäume.

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Foto: Martin Sighart | Netural.

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Wissen Employer Branding Events Purpose Marketing

Karisma: Erfolg mit Ecken und Chanten

Unternehmen und Organisationen, die aus einem kontrollierten Image ausbrechen, um zu einer starken Persönlichkeit zu finden sind glaubwürdiger, beziehungsfähiger, facettenreicher – und damit anziehender.

Wir alle sind kritischer geworden. 2020ff fordern wir von Unternehmen und Organisationen ein reflektiertes, verantwortungsbewusstes Handeln mit einer starken und verbindlichen Aussage zu Absichten und Gebahrung jenseits reiner Gewinnerorientierung. Worin liegt der gesellschaftliche Nutzen? Welchen Schaden müssen wir gegenrechnen? Wie können wir vertrauen? Im gleichen Maß erwarten wir, selbst im Mittelpunkt aller Bemühungen zu stehen, hofiert und perfekt serviciert zu werden – eben als Kund*innen, Auftraggeber*innen, Mitarbeiter*innen, Bürger*innen stets „erste Reihe fußfrei“ zu genießen.

Wer in diesem Spannungsfeld liefert, wird – möglicherweise – belohnt: durch ungeteilte Aufmerksamkeit, positive Bewertungen, Zücken der Kreditkarte. Doch echte Loyalität bleibt ein rares Phänomen: zu zahlreich, verlockend und nah sind Alternativen.

Längst sind Beziehungsaufbau und -pflege auf allen Märkten eine schwer zu bewältigende Herausforderung. Schon 1999 lieferte das „Cluetrain Manifest“ eine Absage an die gelernte Marktkommunikation und packte die dank Digitalisierung bevorstehende Kunden-Emanzipation in 95 griffige Thesen. Heute, 21 Jahre später, sieht man die Auswirkungen mit freiem Auge. Und das mag auf den ersten Blick gut gefallen: Zu lange schien Wachstum die oberste Priorität von Wirtschaft zu sein – im Zweifelsfall auf Kosten aller.

Jetzt sind Verantwortungsbewusstsein und Nachhaltigkeit in den Fokus gerückt, „Resilienz“, „Purpose“ und „Personality“ Themen der Stunde. – Und das durchaus auch krisenbedingt: Corona hat uns alle sensibler für gesellschaftliche Zusammenhänge gemacht.

“In einer hoch polarisierenden Welt ist es nicht mehr länger genug, neutral zu sein.”

Philip Kotler in “Brand Activism: From Purpose to Action”, 2018.

Wie sieht also ein mögliches Selbstverständnis aus, wo man ein offenes Aufeinanderzugehen und Zusammenwirken mit Kund*innen, Auftraggeber*innen, Mitarbeiter*innen und Bürger*innen anstrebt? Wie muss eine Corporate oder Employer Brand beschaffen sein, wenn sie beziehungsfähig sein und Appeal an den Tag legen möchte? Wie entwickelt sich Markenführung, wenn das öffentliche Bild mehrheitlich durch Mentions in Sozialen Medien konstruiert wird – und nicht mehr kontrolliert in Marketingabteilungen und Agenturen?

Eine lebendige Persönlichkeit statt einem starren Image

Es geht um Sympathie, Vertrauen und Identifikation. Wo bekannte und – im positiven Sinn – eigenwillige Gründer*innen oder Manager*innen an der Front stehen, übernehmen deren öffentliche Profile die Zuschreibung der Eigenschaften – und sorgen im günstigsten Fall für die erforderliche Sperrigkeit und einen Hauch Strahlkraft. Doch die wenigsten CEOs sind aus der Liga Elon Musk, Richard Branson oder Steve Jobs, was ihre Außenwirkung betrifft.

Wer also kein Führungskräfte in die Auslagen stellen kann oder will, deren Persönlichkeit die Marke auflädt, kommt nicht umhin, die Zuschreibung selbst vorzunehmen und zum Leben zu erwecken.

Corporate Personalities beschreiben Unternehmen und Organisationen als Charaktere; mit Eigenschaften und Leidenschaften, bereit, sich auf ihrer Reise zu entwickeln, Krisen zu überstehen, Erfolge zu feiern, Freundschaften zu pflegen, zu reifen – ohne sich grundlegend untreu zu werden.

Eine Corporate Personality setzt auf Wandlung und Anpassung statt auf Kontrolle, punktet mit der Sogkraft ihrer Narrative statt mit der Wiedererkennbarkeit ihrer Oberflächen. Es siegt das Lebendige gegen das Starre, das Beziehungsfähige gegen das Unerreichbare, das Nützliche gegen das Gefällige. Corporate Personalities bewegen sich auf Augenhöhe mit ihrem Umfeld, in einem permanenten Dialog. Als parasoziale Freunde quasi – oder zumindest als gute Bekannte.

Die 7 Faktoren von Corporate Karisma

„Karisma“ steht für starke Persönlichkeiten, für Werte und für Dialogfähigkeit. Ja, das „K“ ist ein Gag. Korrekt müsste es „Charisma“ lauten. Dennoch drückt das „K“ mit Pfiff aus, um was es geht: Ausbrechen aus dem „Everybody’s Darling“-Modus. Wer die Marke seines Unternehmen oder seiner Organisation als Persönlichkeit zeichnet, kann unmöglich einen beliebigen Charakter vor Augen haben.

“The Karisma Sun” | cucocu.com + Die Fabrikanten, 2020

Sieben Faktoren fördern und bestimmen die Strahlkraft von Markenpersönlichkeiten. Es sind dies Haltung, Geschichte, Eigenständigkeit, Selbsterkenntnis, Tun, Fühlen und Auftreten. Sie wirken von innen nach außen („The Karisma Sun“).

Haltung („Values“): Man kann abseits des typischen „Mission“- und „Vision“-Sprechs klare Werte und Überzeugungen formulieren, für die man ohne Wenn und Aber steht. Dabei ist weniger mehr, es zählen Klarheit, Leistbarkeit (= Glaubwürdigkeit) und deren Relevanz für die Gesellschaft oder den Planeten.

Geschichte („Story“): Man ist sich seiner Historie bewusst, kennt vergangene Herausforderungen und Krisen und weiß, wie sie erfolgreich bewältigt wurden. Kann aus den Persönlichkeiten, Stationen und Erfahrungen der eigenen Geschichte Mythen und Werte ableiten und in die Zukunft projizieren. Im Zentrum der Unternehmenserzählung steht ein Leitnarrativ, welches das „Wofür“ beinhaltet – als übergeordnete „Moral der Geschichte“, die vertrauensbildende und sinnstiftende Vision, die sich immer wieder gegen bestimmte Antagonisten durchzusetzen weiß.

Eigenständigkeit („Independence“): Man entwickelt ein unverwechselbares Profil, in dem man unbequeme oder polarisierende Positionen, die im Einklang mit der eigenen Haltung stehen, gezielt und mit Nachdruck einnimmt. Stillschweigen, Gefälligkeiten oder geschwurbelte Affirmation sind No-Go’s.

Selbsterkenntnis („Self-Awareness“): Man sieht die eigenen Stärken und Schwächen und steht dazu – auch öffentlich. Fehltritte der Vergangenheit werden nicht unter den Tisch gekehrt. Man beweist Kritikfähigkeit, Fehlerkultur und Selbstironie – gekoppelt mit dem ehrlichen Bemühen, an sich zu arbeiten.

Tun („Actions“): Man handelt wertebasierend – auch dort, wo niemand hinsieht. Investiert in Dinge, von denen man überzeugt ist, selbst wenn es mit Mehraufwand verbunden oder ein rechenbarer Return of Investment fraglich/unwahrscheinlich ist. Man entwickelt Kompetenzen laufend weiter.

Fühlen („Emotions“): Man hört zu, zeigt Empathie für jene, mit denen man in Beziehung steht oder treten möchte – für Kund*innen, Auftraggeber*innen, Mitarbeiter*innen und Bürger*innen – und versucht deren Beweggründe zu verstehen und in Einklang mit den eigenen zu bringen. Handelt im richtigen Moment kulant, auch wenn man dadurch etwas verliert, was einem rechtlich oder moralisch zusteht.

Auftreten („Appearance“): Man sorgt für ein attraktives, eigenständiges Selbst ohne sich zu verkleiden. Beweist Durchsetzungsvermögen, Souveränität und Eloquenz, ohne damit andere zu überfahren. Lässt hinter die Kulissen blicken und zeigt sich von einer menschlichen, nicht-stereotypen Seite.

Wie profitieren Unternehmen und Organisationen?

Eine gelebte – „karismatische“ – Corporate Personality wirkt auf verschiedenen Ebenen; in der Personalführung, in der Kundenbeziehung, für Public Relations und in der Markenführung:

Sinn („Purpose“): Die Corporate Personality verkörpert übergeordnete Ziele und bezieht Stellung, wo erforderlich. Sie vermittelt Kund*innen, Auftraggeber*innen, Mitarbeiter*innen und Bürger*innen einen spirituellen Mehrwert und wirkt direkt aufs Belohnungszentrum. Sinnstiftende Tätigkeiten und Begegnungen schenken Freude, Lust und Motivation.

Beziehungen („Ties“): Die Corporate Personality findet Resonanz bei Einzelpersonen und Szenen, baut Netzwerke, aktiviert zum Mitgestalten, motiviert Beteiligte, gewinnt die besseren Talente, schenkt Nähe und Zugehörigkeitsgefühl. Und bindet Kund*innen, Auftraggeber*innen und Mitarbeiter*innen. Eine tragfähige Beziehung erhöht die Fehlertoleranz und senkt die Preissensibilität.

Aufmerksamkeit („Awareness“): Die Corporate Personality zieht Aufmerksamkeit auf sich. Sie hilft bei der Alleinstellung, erleichtert Zuordnung, transportiert Informationen, unterhält und weckt Emotionen. Storytelling mit Ecken und Chanten.

Wir Kund*innen, Auftraggeber*innen, Mitarbeiter*innen, Bürger*innen sehnen uns nach Persönlichkeiten

Wir wünschen uns Unternehmen und Organisationen, die unser Vertrauen verdienen. Im Großen wie im Kleinen; vom Automobilkonzern bis zum Friseur. Die innovieren, Arbeitsplätze schaffen, Gewinne schreiben, davon Steuern abführen – und darüber hinaus bewusst ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen, dem Planeten und der Region nachkommen, fair agieren, Ressourcen sparen und mit ihrer Tätigkeit einen Zweck erfüllen, der uns gesellschaftlich nützt. Die jedenfalls einlösen, was Google bis 2018 versprochen und nicht erfüllt hat: „Don’t be evil!“ – Von solchen Akteuren kaufen wir gerne Produkte und Leistungen, wir sprechen Empfehlungen für sie aus oder bewerben uns auf ausgeschriebene Stellen. Hier möchten wir partizipieren – und Corporate Karisma hilft uns, anzudocken.


Der gemeinsam mit Die Fabrikanten entwickelte “Corporate Karisma”-Ansatz wurde im Zuge eines virtuellen “Hot Tålks” am 11. November 2020 und beim “Culture Rebels Camp” am 13. November 2020 mit den Teilnehmer*innen diskutiert.

Fotos: Unsplash | Raj Rana und Sergio de Paula

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8 Prognosen: New Work nach Covid-19

Die aktuelle Krise forcierte unzählige Veränderungen. Und manche dieser Werte, Verhaltensweisen und Meinungen werden überdauern. Wie begegnen wir dem Wandel?

Was Unternehmen und Organisationen im Herbst 2020 beschäftigt, ist nicht nur die Frage, wie eine wirtschaftliche Ausnahmesituation bewältigt werden kann. Mit den Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie gehen kulturelle Erfahrungen einher, die manches grundlegend auf den Kopf stellen – und mitunter gnadenlos Stärken und Schwächen aufzeigen: von Politik, Gesellschaft, Organisationsstrukturen, Werkzeugen und von uns als Menschen.

Für die Wirtschaft bedeutet dies, sich mitten im Überlebenskampf auf neue Gegebenheiten einstellen zu müssen: Mitarbeiter*innen, die Arbeitsbedingungen kritisch hinterfragen, Kund*innen, die plötzlich wertesensibel handeln, aber auch weniger konsumieren (können), Lieferant*innen-Beziehungen, deren Instabilität sichtbar wird, langjährig entwickelte Strukturen, Prozesse und Tools, die sich als zunehmend untauglich herausstellen.

Am 20. Oktober war ich eingeladen, für den “HR Coworking Day for Executives” Überlegungen zu skizzieren, welche dieser Veränderungen die Krise wohl überdauern werden, um uns in den Post-Corona-Jahren weiter zu begleiten. Wie in diesen Tagen häufig der Fall, fand auch diese Diskussion per Videokonferenz statt. Die Teilnehmer*innen: “Team & Culture”-Expert*innen von Business Upper Austria, ePunkt, Gepardec, Holter, Keba, Netural, Roomle, Tele Haase, Trench Group und WAG.

Mein Input: “Die Covid-19-Krise forciert Entwicklungen, die bleiben werden.”

Acht Prognosen, abgeleitet aus Beobachtungen, Gesprächen und Recherchen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Jedoch mit Anspruch auf Wirksamkeit. Keiner dieser Punkte wird Bestehendes unberührt lassen. Manche Entwicklungen sind schon jetzt, mitten in der Krise, nicht mehr rückgängig zu machen, andere werden ihre Folgen erst entfalten.

1. Digitale Pendler oder die Erwartung, dass Homeoffice jederzeit möglich ist

Foto: Fabrizio Verrechia | Unsplash

Wer die letzten Monate überwiegend im Home Office verbracht hat, wird zukünftig kein Verständnis mehr dafür aufbringen, den Arbeitsort – abseits sachlicher Gründe – nicht selbst bestimmen zu können. Mitarbeiter*innen stellen, geprägt von ihren Erfahrungen in der Krise, einen höheren Anspruch auf eine Symbiose von Leben und Arbeiten. Und sie sind im Gegenzug bereit, das Private beruflich sichtbarer zu machen, sei es, wie sie wohnen, was sie zu Hause anziehen oder wie ihre Kinder sie an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen. Somit zieht eine neue Authentizität ein, die wohl als Stil überall durschlägt: Hängt das Business-Kostüm erstmal im Kasten, bleibt es zunächst auch dort.

Für Unternehmen und Organisationen bedeutet dies, dass sie agiler, flexibler und digitaler werden müssen. Und gezwungen sind, Vertrauen zu entwickeln. Eine Herausforderung kommt auf Personalchef*innen jedenfalls zu: Zwischen Büroangestellten und den “unfreien” Fachkräften, die vor Ort antreten müssen, wächst eine Kluft, die es zu überwinden gilt.

2. Der schnelle Zoom-Call

Foto: Dylan Ferreira | Unsplash

Kaum ein digitaler Dienst hat derartig von Covid-19 profitiert, wie das amerikanische Softwareunternehmen Zoom. Die Nutzerzahlen explodierten innerhalb eines Jahres auf das 30-fache, die Aktie kletterte von 60 auf 500 US-Dollar. Tatsächlich kennt bald niemand mehr jemanden, der keine Videokonferenzen nutzt, sei es Zoom oder ein anderes Service. Gerade kürzere Meetings werden seit dem Shutdown digital abgehalten. Wegen einer 60-Minuten-Besprechung zwei Stunden oder länger im Auto oder in der Bahn verbringen? – Kein Thema mehr.

Damit einher geht jedoch nicht nur ein gewisser Statusverlust von Dienstwägen, Flügen und teuren Hotels, sondern auch der Umstand, dass rein digitale Geschäftsbeziehungen zunehmen. Es wächst die Distanz. Dort, wo man sich stets auf gute persönliche Kontakte, auf die berühmte Handschlagqualität, verlassen hat, durchaus ein Problem.

Abgesehen davon war Reisezeit für viele Mitarbeiter*innen im Außendienst oder im Projekteinsatz eine gute Gelegenheit, sich zwischendurch ein wenig zu entspannen. Mehr Effizienz durch Videokonferenzen bedeutet nicht zwangsläufig mehr Freizeit, sondern häufig einfach nur ein höheres Tempo. Mit der Taktung steigt der Druck.

3. Kolleg*innen schützen als Dienst am Ganzen

Foto: Kelly Sikkema | Unsplash

Kollegial handeln heißt ab sofort, bei Schnupfen zuhause zu bleiben. War es bisher ein Zeichen von Engagement, sich mit erhöhter Temperatur und triefender Nase ins Büro zu schleppen, so wird dies nach der Corona-Krise geächtet bleiben. Auf die Gesundheit anderer Rücksicht zu nehmen, verlangt nun das soziale Gewissen – und der Gruppendruck.

Für die dringenden Aufgaben springt der/die Kolleg*in ein. Oder auch nicht – und man muss sie vom Homeoffice aus erledigen, mit der Wärmflasche am Körper. (Geht ja, siehe 1.) Das bringt nicht nur das Gesunden, sondern auch die Rechtslage in eine Zwickmühle: Sozialversicherungen kannten bislang nur “gesund” oder “krank”.

Ansteckungsgefahr als Soziobremse? Kann man so vermuten. Am schlimmsten wirkt der Verdacht. Und so stirbt mit der subjektiven Zunahme potenzieller Gefährder*innen auch so manches, inniges Ritual: Bussibussi-Gesellschaft ade.

4. Neue Achtsamkeit auf die Gesundheit der Mitarbeiter*innen

Foto: Dominik Wycislo | Unsplash

Unternehmen und Organisationen werden verstärkt danach bewertet, wie achtsam sie mit der Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen umgehen. Zwar gab es vielerorts schon bisher betriebliche Gesundheitsprogramme – vom Fitness-Studio über kostenlose Impfungen bis zum Mental-Coaching – trotzdem befeuert die restriktive Einhaltung der Covid-19-Bestimmungen das Schutzbewusstsein. Das Thema “Gesundheit” trifft mit der Pandemie nicht mehr die/den Einzelne*n, sondern die Gemeinschaft. Wer hier Nachlässigkeit oder zu wenig Sensiblität zeigt, steht schnell in öffentlicher Kritik.

Mit diesem Paradigmenwechsel rücken auch Gesundheitsthemen abseits von Covid-19 ins Aufmerksamkeitsfeld. Die Digitalisierung bringt gleich zweierlei mit sich: Zum einen eine Reihe praktischer Services, die helfen, die Mitarbeiter*innen-Gesundheit skalierbar zu fördern, etwa Apps für gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung oder das Messen und Beobachten von Körperfunktionen. Unternehmens-Abos für Mitarbeiter*innen werden demnächst boomen, vorausgesetzt, maximaler Datenschutz bleibt gewährleistet – und es kommt hier auch kein Zweifel auf.

Zum anderen sind es die sichtbar werdenden Gesundheitsfolgen der Digitalisierung selbst, die verantwortungsbewusste Unternehmen veranlassen, Initiativen zu setzen. Etwa “Digitalfasten-Ruhezonen” und fixe, “digitalfreie” Regenerationszeiten als Ausgleich zur permanenten Verfügbarkeit durch eMail, Zoom, Slack & Co.

5. Leerlauf ist Weiterbildungszeit

Foto: Nick Morrison | Unsplash

Das Schöne an Kurzarbeit, Ausgangsbeschränkungen und Urlaube in Balkonien: Viele entdeckten ihre Lust an frischem Wissen. Und da klassische Präsenzveranstaltungen – Lehrgänge, Workshops, Konferenzen – ebenfalls unter Druck kamen, schlug 2020 die Stunde der MOOCs (“Massive Open Online Courses”) und virtuellen Symposien, die als möglicher Zugang zu Bildung, nun auch kulturell, nicht nur technisch, in der Mitte der Gesellschaft ankamen.

Was bedeutet das für Unternehmen und Organisationen und ihre Weiterbildungsbudgets? “Education on demand”, digitale Weiterbildungskonten bei Neukurs.com, Iversity, Coursera und anderen Plattformen, gewinnen an Bedeutung. Die Ad-hoc-Verfügbarkeit der Inhalte macht es leicht, Zeiten geringerer Auslastung mit Lernen zu füllen. Die – verglichen mit der Vor-Ort-Teilnahme bei Seminaren – günstigen Kosten ermöglichen ein Ausrollen über alle Mitarbeiter*innen und diesen wiederum ein selbstbestimmtes Entscheiden, welche Inhalte wann konsumiert werden.

Online-Konferenzen und Networking-Events bieten eine kooperative und übergreifende Wissensgenerierung – und sind häufig überhaupt kostenlos. Fehlen noch die passenden Devices: Tablets, Headsets und eBook-Reader für Skripten. Mit einer Frage ist zukünftig bei Bewerbunggesprächen zu rechnen: “Mit welchen Tools und Plattform-Zugängen unterstützt Ihr Unternehmen mein Fortkommen?”

6. Das gestiegene Selbstbewusstsein der Systemrelevanten

Foto: Jeshoots.com | Unsplash

Die Shutdown-Wochen von März bis Mai zeigten schonungslos, wie unverzichtbar manche Berufe in einer Gesellschaft sind, auch wenn sie unter normalen Umständen mit wenig Sozialprestige ausgestattet sind. Ob Verkäufer*innen, Pflegehelfer*innen oder Logistikmitarbeiter*innen: Sie alle sind unterdurchschnittlich bezahlt und spielen dennoch eine ganz zentrale Rolle, wenn es darum geht, das zivile Leben aufrecht zu erhalten. Tag für Tag erzählen Covid-19-Dashboards im Hauptabendprogramm von der Auslastung der Krankenbetten und wir TV-Zuseher*innen fürchten gebannt ihren Kapazitätsgrenzen entgegen: “Systemerhalter*innen” sind die heimlichen Stars der Krise.

Auch in den meisten Unternehmen und Organisationen wirken Menschen, deren Bedeutung gerne übersehen wird. Hilfs- und Assistenzjobber*innen galten bislang als leicht austauschbar. Zu präpotent gedacht. Gerade viele “unsichtbare” Mitarbeiter*innen sind mit ihrem Einsatzwillen, ihrem Fleiß und ihrer Loyalität tragende Säulen. Die Erfahrungen aus 2020 räumen ihnen die Chance zu mehr Selbstbewusstsein ein. Konsequenterweise sollte sich dies nicht nur in anerkennenden Worten bei der Weihnachtsfeier niederschlagen, sondern vor allem in harten und erfolgreichen “Fair pay”-Verhandlungen.

Doch Corona machte nicht nur die Unverzichtbaren sichtbar, sondern auch die Überbewerteten. Vieles lief trotz Kurzarbeit weiter wie gehabt, mitunter wirtschaftlich durchaus erfolgreich. Womit beim Jahresresümee Orchideen-Rollen im Marketing, im Management und bei der Verwaltung unter Rechtfertigungsdruck geraten.

7. Stabilisierung durch Re-Regionalisierung

Foto: Max Duzij | Unsplash

Kaum eine Idee hat angesichts der Pandemie eine derartig traurige und hilflose Figur abgegeben, wie der Europäische Gedanke. Reflexartig schlossen vermeintlich verbündete Staaten ihre Grenzen und fokussierten auf den Schutz der eigenen Bevölkerung und Wirtschaft. In vielen Lieferketten wurde die Abhängigkeit vom Weltmarkt spürbar. Und steuerflüchtende Konzerne müssen sich die – nicht unberechtigte – Frage gefallen lassen, mit welcher Moral sie staatliche Hilfen in Ländern in Anspruch nehmen, in denen sie gleichzeitig ihren Beitrag zum Gemeinwohl minimieren.

Das Vertrauen in den Wohlstand dank Globalisierung schwand auch bei den Konsument*innen. “Buy local” gilt weiter als Gebot der Stunde, zumal auch nachhaltiger und klimaschonender. Selbst viele Klein- und Mittelbetriebe reagieren und stricken ihr Beziehungsgeflecht neu: Lieferant*innen, Dienstleister*innen und Abnehmer*innen vor Ort schützen vor globalen Instabilitäten – vor gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Fallstricken der Internationalisierung.

8. Soziale Medien befeuern den Wahnsinn

Foto: Nik Shuliahin | Unsplash

Von Beginn der Kise an fand die Schlacht um eine Corona-Deutungshoheit auf Facebook, Twitter & Co statt. Die Plattformen gaben Millionen von selbst ernannten Infektiolog*innen einen Zugang zur Öffentlichkeit und polarisierten zügig in Covid-19-Maßnahmen-Befürworter*innen und -Gegner*innen. Fernsehen und Presse, die zunächst ihre Chance auf tragende Relevanz witterten, rutschten mit einem Info-Overkill rasant in die Teil-des-Problems-Ecke. Mittlerweile stehen sich die Filter-Bubbles unversöhnlich gegenüber, bereit, jede Form von Zusammenhalt zu opfern. Desinformation, Irrglaube, Panikmache und Hate Culture untergraben die Solidarität in der Gesellschaft und erschweren konstruktives, lösungsorientiertes Handeln.

Welche Konsequenzen hat dies für Unternehmen und Organisationen? Neben einer Spaltung der Belegschaft und einem schalen Beigeschmack, der mit jeder Form von Krisengewinnlertum in den Sozialen Medien einhergeht, die Erfahrung, dass Kompetenzträger 2020ff an Vertrauen verlieren. Wer braucht schon Expert*innen, wo Halbwissen mehr Erfolg verspricht? Das Establishment instrumentalisiert in den Augen vieler die Sachlichkeit zum eigenen Vorteil, aus der Vernunft spricht die Unterdrückung, die es für die Ohnmächtigen zu bekämpfen gilt.

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Artikel-Foto: Bruno Emanuelle via Unsplash

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