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Events New Work

Souly Side Up!

Am 12. und 13. Mai fand im Linzer Posthof das 22butterfly Corporate Karisma Festival statt – eine bunte Mischung aus Inspirationen rund um das Thema Unternehmenskultur.

Das Plakat zum Event.

“Souly Side Up! Wie Unternehmen ihrer Kultur mehr Leben einhauchen” – ein Event-Titel, gewählt mit dem Anspruch, Wirtschaftsbetriebe und Organisationen zu motivieren, ihre Kultur strategisch zu entwickeln. – Über 200 Interessierte vor Ort und unzählige mehr online folgten unserem Ruf und nahmen am 12. und 13. Mai live teil.

Und da Bilder bekanntermaßen weit mehr als erzählen als Worte, hier ein primär visueller Nachbericht aus der Perspektive unseres Fotografen Jürgen Grünwald:

Innerhalb von knapp 24 Stunden in vier thematischen Blöcken – “Soul”, “Purpose”, “Story” und “Art” – auf der Bühne: Steffi Burkhart (Human Capital Evangelistin), Simon Sagmeister (The Culture Institute), Georg Wolfgang (Culturizer), Georg Tarne (dwarfs and Giants), Franziska Fink (Beratergruppe Neuwaldegg), Patrick Rammerstorfer (Pro Active), Karin Krobath (Identifire), Herbert Kling (brandscore.at), Tim Leberecht (House of Beautiful Business), Gerhard Obermüller und Verena Hahn (Rubicom), Wolfgang Pastl (primeconcept+), Ana-Laura Lemke und Wolfgang Tonninger (Beyond Storytelling Network), Wolfgang Preisinger (Die Fabrikanten), Stefanos Pavlakis (Story Dealer), Doris Rothauer (Büro für Transfer), Cesy Leonard und Christiane Deibl (Die Radikalen Töchter). Großartig moderiert von: Ulrike Jung (hrdiamonds).

In den Diskussionsrunden: Thomas Olbrich (Culture Office) mit Silvia Schöpf (EWW) und Nicole Thurn (Newworkstories.com), Irene Bouchal-Gahleitner (Netural) mit Petra Spatt (Greiner Packaging) und Klaus Buchroithner (Vresh Clothing), Philippe Narval (SQUARE) mit Franzsika Fink (Beratergruppe Neuwaldegg), Steffi Burkhart (Human Capital Evangelistin) und Marc Mertens (A Hundred Years), Markus Pargfrieder (Responsive Spaces) mit Gerald Hanisch (Rubblemaster) und Ernst Demmel (cucocu.com) sowie Karin Wolf (Institut für Kulturkonzepte) mit Andrea Hummer (Kulturmanagerin) und Mario Sinnhofer (Künstler:in).

Breakout-Sessions boten Gerald Harringer (Die Fabrikanten), Rainer Peraus (CEOs for Future), Claudia Froschauer (primeconcept+), George El Khoury und Klaus Giller (worlk), Karin Krobath (Identifire) sowie Petra Mascher (cokreativ) an.

Das künstlerische Programm gestalteten die raumarbeiterinnen, Crystn Hunt Akron, Post Skriptum und Death Positiv.

Die Ausstellung #futurebfly enstand aus einer Kooperation mit CEOs for Future, wo wir im März und April 2022 Lehrlinge der ASFINAG, von Greiner Packaging, Nespresso Österreich und der Salzburg AG einluden, ihre Interpretation von “Nachhaltigkeit” und “Verantwortung” mit ihren Smartphones einzufangen. Begleitet wurden sie dabei von Wolfgang Lehner (Workshops, Kuration) und Cornelia Lehner (Koordination, Präsentation).

Das gesamte Programm: www.22butterfly.com.

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Wissen Kunstprojekte

Der zweite Blick: Mit Irritieren interessieren

Was von der guten alten AIDA-Formal auch heute noch Bestand hat, ist der Anfang: “Attentation”, die Aufmerksamkeit … und die ist immer schwerer zu bekommen.

Der österreichische Autor und Berater Christian Mikunda, seit den 1990er Jahren weltweit als Experte für Strategische Dramaturgie bekannt, hat im Rahmen seiner “Hypnoästhetik” das Erzielen von Aufmerksamkeit mittels Destabilization in eine Schlüsselposition gesetzt.

Die Radikalen Töchter aus Berlin rocken mit ihren Aktionen unsere Sinne und bringen damit nicht nur Interesse und Schwung in die politische Absicht, sondern wecken damit auch die Aufmerksamkeit für unsere eigene Selbstwirksamkeit. – Wie Gegenwartskunst und ihre Ausdrucksformen überhaupt ein Feld der gezielten, konstruktiven Irritationen darstellt.

Unternehmen wiederum geht es um Verkäufe, den Medien um Quoten. Kaufinteresse, Auflagen und Einschaltzahlen bemessen den Erfolg – Aufmerksamkeit ist die Währung schlechthin im Wettbewerb der Botschaften und Nachrichten.

Aufmerksamkeit steht für eine Wertschätzung, die sich mit Geld nicht bezahlen lässt. 

Für jede:n von uns wird es zunehmend schwieriger zu entscheiden, was mensch zunächst beachten soll, was erst im Anschluss … und was überhaupt nicht. – Letztlich hat der Tage für alle nur 24 Stunden.

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne ist von zwölf Sekunden im Jahr 2000 auf unter acht gesunken und wir sollten sie bei unseren Adressaten nicht missbrauchen. Und in Abwandlung eines Zitates von Joseph Pulitzer könnte gelten: „Eine Botschaft ist erst dann eine Botschaft, wenn der zweite Blick den ersten bestätigt.“ Doch wie lässt sich dieser zweite Blick provozieren?

Christian Mikunda beschreibt Destabilzation als ultimativen Trigger für Aufmerksamkeit. Foto: David Saller.

Nach Christian Mikunda ist Destabilization “eine Technik der kontrollierten Verwirrung, die uns geradezu hypnotisch dazu zwingt, uns der Welt gegenüber zu öffnen”. Zu diesem Zweck werden Menschen mit Tabubrüchen oder Verfremdungen aus dem inneren Gleichgewicht gebracht – und sie greifen dann nach dem nächstbesten Strohhalm, der sie wieder stabilisieren soll. Destabilization ist deshalb ein wichtigstes Werkzeug gegen unsere Abstumpfung, triggert einen zweiten Kontakt mittels irritierendem Impuls, sucht also geradezu den „zweiten Blick“.

Dies wurzelt im Bedürfnis des Menschen nach Wiederherstellung von innerer Harmonie und einem Ins-Gleichgewicht-bringen des Energiehaushalts. Dieser Abgleich erfolgt mit kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen, die bestätigen, dass die Irritation ihren Aufwand wert und somit das Interesse gerechtfertigt ist. – Soweit das Prinzip …

Kurz: Aufmerksamkeit gewinnt man durch Werte, die bleiben, und durch Irritationen, die sich in einem zweiten Blick als interessant und gewinnbringend erweisen.

Irritationen, die Interesse generieren, sind – wie die Kunst – vor allem dazu da, unser Leben reicher zu machen, unser Weltbild umfassender zu gestalten und das Fremde als weniger bedrohlich erscheinen zu lassen.


Cover: Econ Verlag, 2018.
Buchtipp

Christian Mikunda: “Hypnoästhetik: Die ultimative Verführung in Marketing, Handel und Architektur”

Warum verwendet eine spanische Modekette Schaufensterpuppen, deren lange Wimpern auf die Wangen hinunter gerutscht sind? Warum leuchten nachts tausende weiße Rosen auf Zaha Hadids koreanischer Dongdaemum Design Plaza? Weshalb liegt in einem edlen britischen Laden eine hölzerne Beinprothese aus dem ersten Weltkrieg? Und was hat das alles mit Leonardo da Vincis berühmter Mona Lisa zu tun?

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Beitragsfoto: Brands&People | Unsplash.

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Praktisches New Work

Kreativität: Von der Begabung zur Kulturtechnik

Früher war Kreativität den Kreativen vorbehalten – und damit Werber:innen, Designer:innen oder Künstler:innen. Heute ist sie als Anforderung in viele Job Requirements eingesickert. Wer nun Ideen nicht so leicht aus dem Ärmel schüttelt, kann mit wenigen Kniffen den kreativen Output erhöhen.

Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ – Dieses Zitat wird Karl Kraus zugeschrieben, obwohl es angeblich einem Dialog von Wolfgang Neus und Wolf Biermann entstammt. Aber egal. Dieses kritische Bild ist nämlich deshalb interessant, weil es die zentralen Fragen im Umgang mit Kreativität plakativ zur Rede stellt: Die Überzeugung, dass unsere Gedanken nicht „reichen“. Und die Tatsache, dass wir zu viel Scheu davor haben, unsere Ideen zu äußern.

In unseren Tagen werden der Kreativität geradezu magische Qualitäten und Wirkungen zugesprochen. Dies wahrscheinlich auch deshalb, weil viel „Undenkbares“ in den letzten Jahrzehnten aus unserer berechenbaren Realität ausgesperrt war. Diese Defizite werden jetzt massiv spürbar. Künstler:innen und andere „Spinner“ waren in den Unternehmen ja eher verpönt. Routine und Bewährtes waren gefragt.

“Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch tätig zu sein. Nur merken es die meisten nie.”

Truman Capote

Aber obwohl Kreativität zum Buzzword des digitalen Zeitalters geworden ist, scheint sie immer noch einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten zu sein: Informatiker:innen wird beispielsweise unterstellt, dass sie den ganzen Tag schöpferisch arbeiten, Zustellfahrer:innen aber zur Kreativität gar nicht in der Lage seien. So ein Unsinn! Diese Einstellung erinnert an die Feudalherrn von früher, die den Bauern und Bäuerinnen nichts zugetraut haben, eben weil sie solche waren. Aber jetzt kommen ausgerechnet aus dem algorithmischen Silicon Valley Signale, dass „Kreative“ händeringend gesucht werden.

Aber wer sind sie denn, diese gesuchten Geister, die sich oft in Agenturen eingenistet haben und dort zu Web-Nerds oder Digital-Grafikern mutiert sind. Einige von ihnen sind dann schließlich im Outback der Computerspiele gelandet, in technischen Büros oder in freier Wildbahn. Oder nehmen wir die sogenannte „kreative Buchhaltung“. Sie stand ja lange Zeit für eine besondere – wenn auch schlecht beleumdete – Finesse im Umgang mit Bilanzgestaltung und Finanzamt. War sie die erste „Applikation“ von Gehirnschmalz außerhalb textlicher, grafischer, kompositorischer oder technischer Leistungen? – Wohl kaum.

Mit Leichtigkeit etwas Neues schaffen können: Wunschdenken oder gekonnter Zugriff auf die Quellen der Inspiration?

Wenn man das nur wüsste! Es kennt wohl jeder den Flow, bei dem uns ein guter Gedanke nach dem anderen wie ein Film durch unseren Kopf geht. Manchmal müssen wir aber etwas nachhelfen, um kreativ in Fahrt zu kommen.

  1. Bürokratie reduzieren, die unsere geistigen und zeitlichen Freiraum zuschütten. Pausen und Abstand zum Handy sind starke Verbündete des Ideengenerators in uns.
  2. Den Austausch mit anderen pflegen (nicht umsonst ist die Kaffeeküche in den Betrieben das Kommunikationszentrum Nummer 1). Und im Homeoffice? Tagträume zulassen und Nonstop-Produktion nicht mit Produktivität verwechseln.
  3. Das Thema mit anderen Augen sehen. Dazu kann schon ein bisschen Frischluft beitragen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass auch große Geister ihre Ideen beim Gehen und Wandern in die Reihe bekommen haben.
  4. Die Ideenphase immer von der Bewertung trennen … und zunächst einmal möglichst viel in den Ideentrichter werfen; da hat der innere Zensor zunächst einmal Funkstille. Wir bewerten (fast) immer zu früh, und das killt die fluency im Kreativprozess.
  5. Suchspannung aufkommen lassen und sie als Antrieb nützen. Anders gesagt: den inneren Backofen einschalten und mit Freude feststellen, wenn einem ganz heiß wird bei dem Versuch, auf Ideen zu kommen. Das ist dann productive struggle, der Kampf des Neuen gegen das Vertraute.
  6. Jede Idee als einen Schatz begreifen, der einem anvertraut ist; jede Idee als eine Geistesleistung ansehen, die es wert ist, weitergedacht und entfaltet zu werden … dann zieht ein Bild das nächste nach sich. Es ist zwar nicht jede Idee eine Lösung, aber ohne Ideen gibt es keine Lösung.
  7. Und nicht zuletzt: „Ideen muss man behandeln wie die Kinder … man muss sie annehmen und lieben.“ – Das hat mir mein Kreativitätstrainer Bernd Rohrbach schon vor Jahren beigebracht, und ich bin ihm schon mein ganzes (Kreativ-)Leben lang dankbar dafür.

Foto: Ian Dooley | Unsplash.

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New Work Wissen

Stichwort “Resilienz”: Sind Stehaufmännchen magische Figuren?

Von wegen “Fähigkeit, nichts an sich heranzulassen”: Resilienz gedeiht bestens in einer Kultur von Offenheit, Innovation und Vertrauen.

In Hogwarts wird das Fach “Pflege Magischer Geschöpfe” angeboten. Hier lernen Schüler*innen wie Harry Potter viel über ihre Besonderheiten, ihre magischen Kräfte und auch ihre Gefährlichkeit. Magische Wesen sind wichtig, weil sie wirkmächtige Substanzen und Kräfte beisteuern können. Vor allem aber lassen sie sich niemals unterkriegen: So würden Resilienten als Stehaufmännchen sehr gut in die Welt des Wildhüters Hagrid passen. Sie sind intelligent und temperamentvoll, sie lieben emotionale Bindungen und orientieren sich an den Werten der Gemeinschaft. Autorin J.K. Rowling wüsste sicher alles über diese neue und konstruktive Spezies, aber wir wollen uns auf ihre Rollen in unserer Muggel-Sphäre beschränken.

“Wenn wir unsere Fähigkeiten als Verhexer entwickeln wollen, müssen wir uns an Magier, Mythologen, Traumweber und vor allem an Geschichtenerzähler halten.”

Stephen Brown: “Die Botschaft des Zauberlehrlings”, München 2005

Lange Zeit wurden Resilienz und Widerstandsfähigkeit mit Gefühlslosigkeit gleichgesetzt und mit dem Unvermögen, etwas an sich heranzulassen. Das lateinische Wort resilire meint ja auch abprallen und zurückspringen. Der Begriff stammt aus der Physik und besagt, wie viel Energie eine Substanz absorbieren kann, ohne sich dabei zu verformen.

Neue Sicht auf Resilienz

Heute weiß man, dass Resilienz nicht jene männlich dominierte Selbstoptimierung beschreibt, die mit Empathie und Solidarität unvereinbar ist. Denn Sensibilität und Resilienz stehen keineswegs in Opposition zueinander. Das tun sie nur, wenn man sie verabsolutiert.
Resilienz ist kein starres Konzept, kann gut in einer Kultur von Offenheit, Innovation und Vertrauen (vor allem in die eigenen Fähigkeiten – und in die anderer) gedeihen. Sie entfaltet sich in der Wechselbeziehung von Individuum, Team und Unternehmen und muss dabei auch die Einflüsse und Abläufe der Technik berücksichtigen.

Resilienz braucht entsprechende Unternehmenskultur, um …

  • Schocks oder Veränderungen abzufangen bzw. sie zu transformieren,
  • sich immer wieder an neue Herausforderungen und Gegebenheiten anzupassen,
  • auch weiterhin gut zu funktionieren und
  • Ziele zu erreichen, zu überleben, zu gedeihen und zu wachsen.

Das Sichern von Resilienz ist in Zeiten von Wandel und VUKA so wichtig, dass sie beim 22butterfly Corporate Karisma Festival in unterschiedlichen Kontexten ein zentrales Thema sein wird. – Und ja, es kann gut sein, dass sie dabei einen Zukunftsfreude-Zauber und begründete Zuversicht auslösen wird.

Ein wenig Magie kann ja wirklich nicht schaden.


Foto: Ryan Molton | Unsplash.

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Praktisches Kunstprojekte

Post-its für einprägsames Storytelling: Einfach, unerwartet, konkret, glaubwürdig, narrativ

Natürlich wäre es ungemein praktisch, hier eine universelle Anleitung für die perfekte Erzählung zu finden. Doch so sehr sich diese nicht liefern lässt, so einfach sind jene Storytelling-Qualitäten zusammengefasst, die fast jeder gut vermittelten Idee eigen sind.

Kennen Sie die Geschichte von jenem Mann, der in einer Bar von einem Unbekannten zu einem Drink eingeladen wird, ihm zuprostet, das Bewusstsein verliert und dann in einer mit Eis gefüllten Badewanne aufwacht? Auf einem Notizzettel findet er die Nummer 911, er ruft sie an, und die Stimme fragt: „Ragt da vielleicht ein Schlauch aus Ihrem Rücken?“ „Ja“, sagt er, nachdem er seinen Rücken abgetastet hat, und dann kommt in gelassenem Ton: „OK, bleiben Sie ruhig. Sie sind das nächste Opfer von Organräubern, die hier aktiv sind. Eine Ihrer Nieren wurde entfernt. Bewegen Sie sich nicht. Der Notarzt ist schon unterwegs.“

Diese Geschichte wurde und wird in unzähligen Versionen weltweit erzählt, weil sie alles hat, was im Gedächtnis hängen bleibt: Wir verstehen die Geschichte sofort, sie bleibt uns in Erinnerung, und wir können sie jederzeit weitererzählen, sie ausschmücken, interpretieren und personifizieren. Vielleicht verändert sie ja sogar unser Verhalten, wenn uns wildfremde Menschen in einer dunklen Bar demnächst einen Drink spendieren wollen. Sie ist grotesk und einprägsam. Sie hat ein unerwartetes Ende, sie enthält Details und weckt unsere Emotionen: Angst, Ekel, Abscheu und Misstrauen.

“Wir werden weitaus heftiger und intensiver durch die Phantasie bezaubert, als durch den Verstand.”

Hans Geißlinger, Stefan Raab in “Strategische Inszenierung”, Heidelberg 2007

Jede gut vermittelte Idee ist anders. Aber sechs Qualitäten sind ihnen allen gemeinsam:

  1. Die Idee muss einfach sein und gehaltvoll zugleich.
  2. Die Idee muss die Erwartungen der Menschen durchbrechen. Sie muss unerwartet sein und überraschen. Aber weil Überraschung abklingt, müssen wir auch Interesse und Neugier wecken.
  3. Die Idee muss eine klare Sprache sprechen und Zusammenhänge mit menschlichem Handeln und Sinneseindrücken bieten.
  4. Die Idee muss den Adressaten die Möglichkeit bieten, sie zu überprüfen.
  5. Die Idee muss so emotional sein, dass sie bei den Menschen Empfindungen auslöst.
  6. Die Idee muss zu einer Geschichten werden;  dann bringen wir Menschen dazu, aktiv zu werden.

Was einprägsam sein soll, muss also einfach, unerwartet, konkret, glaubwürdig, emotional und narrativ sein, damit es auch haften bleibt.


Foto: Patrick Perkins | Unsplash.

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Events Purpose Marketing

Sinn spürbar machen

Ein übergreifendes Sinn-Bild – der Purpose – beschreibt das ideelle Fundament zur weiteren strategischen Entwicklung von Unternehmenskultur. Doch wie haucht mensch guten Absichten Leben ein? – Inspirationen dazu am 12. und 13. Mai beim “22butterfly Corporate Karisma Festival” im Linzer Posthof.

Kommen Hamsterräder zum Stillstand, springt das Personal ab. In vielen Unternehmen bot sich zuletzt ein überraschendes Bild: Mitarbeiter*innen, die dank Kurzarbeit mehr private Momente zum Nachdenken und Träumen fanden, entschieden sich nach diesen Auszeiten zu kündigen.

Wer die Sinnfrage stellt, ist in vielen Firmen bereits mit einem Fuß bei der Tür raus. Oder – für den Arbeitgeber noch bedrohlicher – auf dem Weg in die innere Kündigung. “Purpose” nennt sich jenes betriebliche Kulturgut, das in den letzten Jahren vermehrt an Bedeutung gewann: Die Sehnsucht nach Wertschöpfung jenseits des Monetären.

Unternehmen, die Fluktuation reduzieren und High Potentials an Bord halten wollen, schenken Werten und dem eigenen sozialen Gefüge größeres Augenmerk. Spätestens seit Simon Sineks berühmten TED-Talk “How great leaders inspire action” suchen viele nach ihrem “Why”. Was nicht immer rund ausfällt: Während für Nonprofits wie das Rote Kreuz oder Greenpeace der ideelle Auftrag – etwa “Leben retten” oder “Artenvielfalt schützen” – feststeht, tun sich klassische Betriebe wie IT-Spezialisten, Maschinenbauer oder Großhändler deutlich schwerer.

Seit Simon Sineks berühmten Flipchart-Auftritt sucht die halbe Wirtschaftswelt ihr “Why”.

“Wir wollen mit innovativen Produkten, guten Preisen und bestem Service unsere Kunden zu Fans machen” mag zwar als wirtschaftlich lohnendes Ziel durchgehen, sinnstiftend ist diese “Mission” nicht. Warum? Der erhoffte Impact trifft nur das Unternehmen, das sie formuliert, nicht die umgebende Welt. Besser wäre: “Wir möchten das Internet zu einem sicheren Ort machen” oder “Wir kleiden modisch ohne auszubeuten”. Hier könnte die Allgemeinheit profitieren.

Doch welche Beziehung hat man zu Stakeholdern? Welche Anliegen sind ehrlich, welche nur dem eigenen Vorteil verpflichtet? Und angesichts jüngster Erfahrungen aus der Pandemie: Welchen Schwüren kann man selbst bei Krisen oder Veränderungen treu bleiben?

Das Freilegen möglicher Issues führt zwangsläufig in eine interne Wertedebatte und hier dominieren mitunter Motive der Gründer*innen, auch wenn sie Jahre zurückliegen und in der Praxis längst an Gültigkeit verloren haben. Empfehlenswert ist es, die Auseinandersetzung nicht bloß in der Geschäftsleitung und auf diskursiver Ebene zu suchen. Seine wahre Stärke entfaltet der Purpose dort, wo ihn eine Gemeinschaft als wert-volle Aufgabe für die Zukunft mitentwickelt und -trägt – top down wie bottom up. – Und vor allem: täglich spürt.

22butterfly, das “Corporate Karisma Festival”
Am 12. und 13. Mai im Linzer Posthof: Das “22butterfly Corporate Karisma Festival”.

So braucht es mehr als Workshops und Powerpoint-Slides, um Sinn-Bildern Leben einzuhauchen. Intrinsische Überzeugung gedeiht, wo Zugänge ganzheitlich geöffnet, Emotionen geweckt werden. – Das spricht für eine Strategische Kulturarbeit, die gesellschaftliche Verantwortung, Organisationsentwicklung, Kommunikation, Design und Kunst kombiniert. Und so sind dies auch jene Felder, die am 12. und 13. Mai “22butterfly”, unser “Corporate Karisma Festival”, beleuchten wird. Die Konferenz, die wir im Linzer Posthof veranstalten – dort, wo sonst Josef Hader, Philipp Hochmair oder Tocotronic begeistern – macht es sich zur Aufgabe, Unternehmenskultur zu “verganzheitlichen”, “Purpose”, “Soul”, “Story” und “Art” zusammenzuführen.

Entsprechend interdisziplinär fällt das Programm aus. Während “House of Beautiful Business”-Gründer und Buchautor (“Der Business-Romantiker”) Tim Leberecht Pfade in eine “Schöne neue Wirtschaft” skizziert, umreißt die bekannte “Human Capital”-Evangelistin Steffi Burkhart die Mindsets ihrer eigenen (Y) und der nachfolgenden (Z) Generation. Der in der Schweiz wirkende Vorarlberger Simon Sagmeister führt in die von ihm entwickelte “Culture Map” ein und “Social Impact”-Schaffende wie Die Fabrikanten (Linz), die Story Dealer (Heidelberg) oder Die Radikalen Töchter (Berlin) zeigen, wie Interventionen Impulse liefern.

Weitere Expert:innen im Programm: Irene Bouchal-Gahleitner, Franziska Fink, Claudia Froschauer, Verena Hahn-Oberthaler, Herbert Kling, Karin Krobath, Petra Mascher-Hurnaus, Philippe Narval, Gerhard Obermüller, Thomas Olbrich, Markus Pargfrieder, Wolfgang Pastl, Rainer Peraus, Patrick Rammerstorfer, Doris Rothauer, Georg Tarne, Wolfgang Tonninger, Karin Wolf und Georg Wolfgang. Die Organisationsentwicklerin und Wahl-Wienerin Ulrike Jung führt als Moderatorin durch die beiden Tage. 

Unter dem Motto “Souly Side Up” bringt 22butterfly 25+ Programmpunkte rund um das spürbare Innenleben von Wirtschaftsbetrieben – von der Keynote bis zum New Work Poetry Slam. Ein – wie wir hoffen – inspirierender Reigen für ein aufblühendes Thema. Corporate Culture mausert sich zum Wettbewerbsfaktor Nummer eins. Dabei stellt die Mitarbeiter*innen-Bindung in Zeiten von New Work nur ein Pro dar. Ebenso wertvoll ist die Kultur für Agilität, Commitment, Innovationsfreude und Resilienz.

Weitere Infos und Tickets unter: www.22butterfly.com.


Unsere Partner:innen bei 22butterfly:

Fotos: Jason Goodman / Unsplash (Key Visual), Austin Chan / Unsplash (Purpose), Redd / Unsplash (Soul), Florian Klauer / Unsplash (Story), Jacek Dylag / Unsplash (Art), Darius Ramazani (Tim Leberecht), Simon Wegener (Steffi Burkhart), Patryk Witt (Die Radikalen Töchter), Zoe Goldstein (Die Fabrikanten), Story Dealer (Story Dealer), Maria Noi (Georg Tarne), Culturizer (Georg Wolfgang), Rubicom (Rubicom), hrdiamonds (Ulrike Jung).

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Events Purpose Marketing

What is Concrete Love?

Das House of Beautiful Business lädt zu “Concrete Love” nach Lissabon. Und feiert eine grandiose Party für einen höheren Anspruch an Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Stadt Lissabon begrüßt Gäste mit unzähligen romantischen Versprechen: jahrhundertealte Palais mit keramikgefliesten Wänden, kopfsteingepflasterte Gassen voll kleiner Läden und Fischrestaurants, bunte Straßenbahngarnituren, die Hügel hinauf- und hinabzuckeln, die Hängebrücke Ponte 25 de Abril an der Atlantikmündung des Tejo, die, wie auch die Trams, ein europäisches San Francisco beschwört … und nicht zu vergessen: kleine, puddinggefüllte Blätterteigtörtchen, die Pastéis de Nata, mit ihrem sentimentalen Soundtrack, dem Fado, die einst in die Ferne aufgebrochene Entdecker in ihre Heimat zurück lockten.

Wo also am alten Kontinent ließe sich “Schönheit” besser verhandeln, als in dieser längst untergegangenen und doch so lebendigen Welt mit nach wie vor abblätterndem Pomp statt des süßlich-selbstgefälligen Kitschs, den Wien oder Paris bei gleicher Gelegenheit zelebrieren würden. Wo sonst könnte man seine Zelte aufschlagen, um die blinden Flecken eines globalen Tech-Optimismus sichtbar zu machen, der uns zwar dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen, aber auch von vielem weg, was es fürs Glück braucht – und der trotz allem als einzige letzte Hoffnung bleibt, wenn wir auf eine Natur, die wir zerstört haben, nicht mehr zählen können?

Impressionen von “Concrete Love” / Video: House of Beautiful Business

Zum dritten Mal wählen Tim Leberecht und Till Grusche Lissabon zum Schauplatz des jährlichen Gatherings von “House of Beautiful Business” – ihres globalen Think Tanks der Sehnsüchtigen. In ihren Augen müssen der Planet, die Menschheit und ihr Motor, die Wirtschaft, in ein neues Miteinander finden; in etwas Ausgewogeneres, Ganzheitlicheres, Schöneres, wo nicht zwingend ein Aspekt das böse Schicksal des anderen begründet. Dafür laden die beiden über 100 Aktivist_innen, Denker_innen, Künstler_innen und Manager_innen aus der ganzen Welt auf eine kleine, runde Bühne in einer zum Co-Working-Space umgebauten Fabrikshalle im Gewerbegebiet Lissabons – und füllen den restlichen Space mit (gut) zahlenden Gästen. “Concrete Love” betiteln sie 2021 dieses Menü in fünf Gängen. Die Akte: I/Omission, II/Panopticon, III/Alternates, IV/Agency, V/Panspermia. Konferenz oder Theaterstück? – Wohl beides.

Die Frage “Is this your first time in the House?” begleitet mich von Freitag bis Sonntag. “Yes.” Es gibt hier im “Todos” Rookies und andere. Nicht wenige kennen einander bereits. Ich mache einzelne Gesichter aus, die mir von früheren Tech- und Trendkonferenzen in Berlin, Hamburg oder München bekannt erscheinen. Darüber hinaus: Überraschend viele Amerikaner*innen. Dies mag am Netzwerk der Veranstalter liegen, die ja selbst jahrelang in Kalifornien im Austausch waren. Die Stimmung: Offen, gelöst, ein klein wenig Bobo, kaum Business-Attitüden. Ich bin einer der wenigen alten, weißen Raucher.

Das Programm: Handverlesene Speaker*innen aus der ganzen Welt, mit teils eigenwilligen Formaten. Nicht jede oder jeder von ihnen ein Bühnenprofi, aber zu erzählen haben sie alle viel: Von der Notwendigkeit eines Wandels, vom eigenen Aufbruch, vom eigenen Hoffen, vom eigenen Scheitern, vom eigenen Erfolg. Das “Handverlesen” zahlt sich aus. Dem Gathering müssen hunderte Zoom-Calls vorausgegangen sein … und tausende Arbeitsstunden. In den Details von “Concrete Love” spiegelt sich die Liebe der Veranstalter*innen zur Materie wider. So erfüllt schon die Form von “Concrete Love” den Titel. Wie auch der Inhalt. Eine grandiose Party für einen höheren Anspruch an Wirtschaft und Gesellschaft. Sicher eine der am besten kuratierten und inszenierten Konferenzen, die ich in meinem Leben besucht habe.

Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich retour in Österreich, auf dem harten Boden der rot-weiß-roten Realität. Im Fernsehen läuft eine Nachrichten-Sendung. Wir steuern auf einen weiteren Corona-Lockdown zu. “Concrete Love” erscheint mir seltsam fern, verträumt, wie eine laut und bunt formulierte, weichgezeichnete Sehnsucht. Ich starre ins Notebook und überlege: Was an Schönheit kann ich mitnehmen? Und wieviel Kompromisslosigkeit braucht es, um ihre eine Chance zu schenken?

(…)

Kleiner Nachtrag. Weil ich gefragt wurde – und es mich ja auch beschäftigt hat: Ja, die Wette mit der kleinen Maja ging in die Hose.

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Events Purpose Marketing

Storytelling: Mit dem Feuer von Geschichten etwas anfangen

Das “Beyond Storytelling”-StoryCamp 2021 in Paretz bei Berlin zeigt einmal mehr die Kraft narrativer Ansätze für den Einsatz in Unternehmen und Organisationen.

Am Anfang war das Feuer. Dann erst das Wort. Grob gesagt. Wer weiß das schon genau. Sicher ist jedoch, dass unsere urgeschichtlichen Vorfahren mit der Verzehr von gekochtem Essen den für die Energiezufuhr nötigen Zeitaufwand extrem reduzieren konnten. So nahm (neben der Gehirnmasse) auch die Zeit für anderes zu. Für Sozialkontakte zum Beispiel – und damit verbunden dem Austausch von körperlicher, mitunter akustischer, Zuwendung.

So begann sich die Semantik von Singsang-, Schnurr- und Schmatzlauten zu differenzieren, über viele Jahrtausende hinweg. Es kamen einfache Tratschgeschichten dazu – in Form ein- oder mehrsilbiger Mitteilungen über Befindlichkeit, Rangordnungsfragen und Fehltritten, als Berichte von Jagdglück und Deutungen zu Naturphänomenen. Wir können heute annehmen, dass das Erzählen von Geschichten auf gemeinsame Momente am Lagerfeuer zurückgeht. Die Feuerschale am Eingang zum zweiten “Beyond Storytelling”-StoryCamp im kleinen, abgelegenen Ort Paretz, einige Kilometer westlich von Berlin, erinnert uns daran.

Warum ausgerechnet Paretz? Die Initiatoren des Storycamps suchen jährlich einen ganz besonderen Ort für ihr Gettogether und wurden für 2021 mit der Akademie der Helga Breuninger-Stiftung fündig: Sehr offene Architektur, idyllisch im Grünen. An die Gegebenheiten passt sich auch das Veranstaltungsdesign an. Schon bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Programm fällt auf: Es gibt keines. Keine Keynotes, keine fix geplanten Panels, kein Zeitschema. – Noch nicht.

Co-Initiator und Co-Moderator des StoryCamps, Wolfgang Tonninger, vor dem bereits gut gefüllten Timetable im “Market Place”.

Nach Ankunft erstmal Zeltaufbau. (Einige der Teilnehmer*innen campen am Gelände, andere nächtigen in Privatunterkünften im Umkreis, wieder andere in ihren Vans. Ich habe mich fürs Zelt entschieden.) Wir erfahren mehr zur Hausordnung und zum Ablauf. Methodisch erweist sich das Storycamp als sehr freies, experimentelles Format, ein Mix aus Open Space und Barcamp, bei dem Inhalt und Form einzelner Sessions von den Teilnehmer*innen selbst entwickelt oder erprobt werden. Jede*r kann sein Thema vorstellen. Ich nehme die Gelegenheit beim Schopf und präsentiere in wenigen Sätzen den von mir entwickelten Leitnarrativ-Workshop in einer Lightversion. Das Format passt perfekt zu einer der sechs zur Auswahl stehenden “Locations”: “Into the wild.”

Story-Walkabout zu den Erdlöchern

Entstanden aus mit Wasser vollgelaufenen Tongruben, präsentieren sich die Paretzer Erdlöcher heute als Vogelparadies. Manche der Tongruben waren nach 1945 auch mit Schutt aus dem bombardierten Berlin gefüllt worden. Ein Ort mit Geschichte also. Hierhin führe ich meine Gruppe zum “Leitnarrativ-Walkabout”.

Walkabouts im engeren Sinn sind Inititationsrituale für junge Aborigines, die ein erstes Mal den Weg ihres eigenen Traumpfads gehen sollen. (Traumpfade oder “Songlines” sind für die Ureinwohner*innen Australiens eine unsichtbare, mythische Landkarte, die auch gesungen werden kann.) Wir leihen uns davon nur den Titel und begeben uns – zunächst schweigend – auf eine Route, die mir meine Wander-App vorschlägt. Jede und jeder in der Gruppe startet mit einer Frage zu seinem/ihrem Leitnarrativ. Unterwegs wird notiert oder fotografiert, was ins Auge sticht oder in den Sinn kommt. Die Herausforderung dabei: Die gestellte Frage vorerst vergessen und offen sein für die Sinneseindrücke von außen …

Eine Gruppe von zehn Storycamp-Teilnehmer*innen beim Walkabout in Wildnis der Paretzer Erdlöcher.

Das Verknüpfen mit der Fragestellung muss jedoch bis zur Rückkehr ins Camp warten. Dann erst werden die notierten und fotografierten Begebenheiten mit der Frage zum Leitnarrativ in Zusammenhang gesetzt, um aus dem entstehenden Bild eine individuelle “Songline” abzuleiten. Das Auf-Distanz-gehen zum Problem und freies Assoziieren zünden inspirierende Impulse und neue Sichtweisen.

“Bisoziation” nennt die Fachsprache der Kreativitätstechniken die Herangehensweise. Der Unterschied zur Assoziation: Während diese in der Regel im selben Denkrahmen “fischt” und damit eine gewisse Linearität nach sich zieht, erzwingt die Bisoziation Brücken und Analogien zwischen zwei völlig unterschiedlichen Bezugsrahmen. Das Spektrum wird größer und bunter.

StorySlam beim Glasperlenspiel

Das Camp ist Ort zahlreicher inspirierender Begegnungen. Es zieht Story-Worker*innen aus unterschiedlichsten Bereichen an. Ich lerne Organisationsentwickler*innen, Psycholog*innen, Coaches, Managementberater*innen und Autor*innen kennen. Aber auch der Hausmeister des Anwesens wird in eine Session mitgenommen. Das Format, das ihn involviert, nennt sich “Glasperlenspiel”. (Wie jener monströse Roman von Hermann Hesse, den kaum jemand den ich kenne fertig gelesen hat und wenn, dann sich nicht mehr wirklich erinnern kann, um was es auf den hunderten Seiten defacto ging; bestenfalls an die persönliche Befindlichkeit beim Lesen in jungen Jahren.)

Vier Teilnehmer beim „Glasperlenspiel“.

Doch auch hier: Das “Glasperlenspiel” des StoryCamps zeigt – zum Glück – wenig Parallelen mit dem gleichnamigen Werk. Dafür sichert es sich einen Fixplatz in meinem Gedächtnis, weil es in seiner Form ein besonderes Erlebnis darstellt. Die Spielregeln sind simpel: Es wird zu einem zuvor festgelegten Thema einzeln und der Reihe nach (je) eine Minute frei assoziiert. Das kann rhythmisch sein, in einer Art Poetry-Slam-Duktus, muss aber keinesfalls. Zuvor Gehörtes darf an Bord, doch auch hier gilt: Nicht zwingend. Nach spätestens fünf Runden ist Schluss. Das Spannende: Ohne Widerrede und Unterbrechungen öffnen sich neue verbale, assoziative und emotionale Räume. “Das Glasperlenspiel” ermöglicht ein untereinander Kennenlernen der Teilnehmer*innen in nur wenigen Augenblicken, in einer Tiefe, die mich überrascht.

Systematisierung, Abstrahierung und Analyse durch Storylistening

Einen der interessantesten Workshops bot das belgische Unternehmen Voices That Count an, vertreten durch Steff Deprez und Nele Claeys. Sie setzen auf narrative Methoden, um komplexe Realitäten in Organisationen und Projekten zu verstehen und Teamwork wie Unternehmenskultur zu stimulieren. Ihr Methodensetting: “Storylistening” unter Einsatz des Analysetools “SenseMaker”, das – vereinfacht gesagt – Muster sichtbar macht.

Im ersten Schritt erzählen wir uns paarweise kurze Geschichten zu einer Frage aus der Arbeitswelt, etwa “Wo hat Corona etwas Wesentliches am Arbeitsplatz verändert?”. Danach tragen wir die Nummern, die uns zugeteilt wurden, auf einem Plakat ein, wo mehrere Emotionen zur Auswahl stehen (glücklich, stolz, hoffnungsfroh, frustriert, zornig, traurig, ängstlich, dankbar). Wir notieren zudem die Auswirkungen der Geschichten auf Fragen zum Inhalt, zur Organisationen und zur Zusammenarbeit im Unternehmen. Und in der dritten Runde bestimmt jede*r den Einflussgrad der Geschichte auf die unmittelbare Tätigkeit. Die Verteilung der (anonymen) Nummern auf den Charts zeigen Tendenzen und Verdichtungen.

Analyse und Auswertung der Large-scale Listening-Methode

Ich finde diesen Ansatz so spannend, dass ich von Voices That Count mehr wissen möchte und sie zum Interview einlade:

Was ist für euch der Unterschied zwischen Storytelling und Storylistening?

“Der ist nicht so klar und wir mögen auch keine Labels. Aber im Allgemeinen sehen wir Storylistening als Verbindung zweier Welten: Die Welt des Menschen, der seine Geschichte teilt, mit jener des Menschen, der zuhört. Beim klassischen Erzählen von Geschichten geht es mehr darum, der Welt die eigene Realität hinzuzufügen. Aber natürlich kann Storylistening zu Storytelling werden und umgekehrt.”

Wie würdet ihr eure Methode beschreiben?

“Wir nennen es ‘Large-scale Listening’ oder ‘Hören für das große Ganze’. Es basiert auf der SenseMaker-Philosophie und -Methode. Im Wesentlichen gehen wir von individuellen Erfahrungen aus, die Beteiligte in einer zweiten Phase selbst interpretieren. Die Antworten können als Muster visualisiert und quantitativ analysiert werden. Hier ist ‘kollektives Sensemaking’ der Schlüssel. Wir laden Stakeholder ein, Geschichten zu erzählen, die letztlich eine gemeinsame Sinnstiftung ermöglichen.”

Wie läuft das Geschichtenerzählen ab? Laut und stets mit Paaren?

“Wir versuchen, ausreichend Zeit für den Austausch zu zweit oder in Kleingruppen einzuplanen. Wenn Teilnehmer*innen ihre Story laut erzählen, ist es einfacher, die Geschichten im Kopf zu konstruieren. Die Fragen, die man vom Vis-a-vis bekommt, helfen, Details hinzuzufügen und neuen Spuren nachzugehen. Bei großen Organisationen achten wir darauf, Menschen zusammenzubringen, die selten miteinander sprechen. Es dreht sich alles um die Beziehungen, die im Moment des Erzählens entstehen. Aber es muss nicht zwingend paarweise passieren, Dreier- oder Vierergruppen sind genauso denkbar.”

Was nehmt ihr aus dem Storycamp mit nach Hause?

“Sicher die große Vielfalt an Methoden, mit denen Menschen eingeladen werden können, ihre Geschichten zu teilen. Aber auch die enorme Bandbreite zwischen der Instrumentalisierung von Storytelling und dem selbstermächtigenden Aspekten von Geschichten. Auf unsere eigene Arbeit bezogen, würden wir gerne innovative Wege in der narrativen Analyse erkunden – mit Blick auf ‘Embodied Sensemaking’, mit Einbeziehen von Kunst und Technologie. Letzteres jedoch, ohne dabei den Fokus auf den Wert menschlicher Beziehungen zu verlieren.”

Prozesse mit und ohne Feuer

In Summe sind es zahlreiche innovative und kreative Formate des Storytellings (und -listenings) für den Einsatz in Unternehmen und Organisationen, die im Zuge des Camps vorgestellt werden. Seit den 1990er Jahren wächst die Zahl der Ansätze laufend. Viele der narrativen Methoden erweisen sich heute als erprobt und ausgefeilt. Dennoch bringt der Einsatz in der Praxis auch Tücken mit sich. Mancherorts werden etwa Storylistening-Formate als alternative Formen der Mitarbeiter*innen-Befragung verstanden und führen so zu Verzerrungen, in dem etwa Geschichten in einer Weise erzählt werden, wie sie mutmaßlich sozial erwünscht sind: “Was wollen die jetzt von mir hören?” Andernorts gelten narrative Ansätze zwar als chic, weil zeitgemäß, die echte Überzeugung des C-Level-Managements, was ihre Wirksamkeit betrifft, fehlt jedoch. Und ohne “Feuer und Flamme” zu sein, wird aus dem Prozess eine seelenlose Angelegenheit mit flachem Outcome.

Das Feuer als Ort, um sich zum Geschichtenerzählen zu treffen – auch beim Storycamp in Paretz.

Letztlich hilft es auch wenig, in einem kurzweiligen Prozess ein für alle gültiges Narrativ extrahiert zu haben, das später zur Seite gelegt wird. Storys wollen täglich mit Leben erfüllt werden, um ihre Kraft zu entwickeln. Bestätigt durch Handlungen und Rituale, die stets aufs neue Geschichten, die ins Ganze einzahlen, zeugen und gebären: “Story in Progress” also …

Das Gute: Unternehmenskultur in Form gemeinsamer Werte, Normen, Symbole und eben Geschichten, die diese verständlich machen, kann wie eine Glut neu angefacht werden. Das geht. Und das dann lodernde Feuer hat auch nichts von seiner Faszination verloren.


Fotos 2, 3 und 5: Gerald Harringer
Fotos 1 und 4: Yoav Goldwein

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Events Employer Branding New Work

“Moments that matter” hinter Klostermauern

Ein konstruktives Miteinander versprach der Corporate Culture Jam in Maria Enzersdorf bei Wien. Und hielt sein Wort.

Das Gabrium in Maria Enzersdorf war zunächst Missionshaus der Gesellschaft des Göttlichen Wortes, bevor es, für den ursprünglichen Zweck zu groß geworden, in Teilen zu einem Seminarhotel umgestaltet wurde. Heute lädt das beeindruckende Backsteingebäude – immer noch hinter dicken Mauern – zum weltlichen Lernen und Austauschen in gebotener Ruhe.

Kein übler Ort also, um sich der Frage anzunähern, welche “Moments that matter” die neue Welt des Arbeitens prägen – oder zukünftig prägen sollten. So schlug der “Corporate Culture Jam”, Fixgröße unter den heimischen HR-Fachkongressen, am 22. und 23. September 2021 im Gabrium seine Zelte auf – und mit ihm rund 100 Teilnehmer*innen aus Österreich und Deutschland.

Freundliches Ambiente für freundliche Menschen: das Gabrium in Maria Enzersdorf.

Die Mittwoch-Morgen-Stimmung ist gelöst und freundlich. Als Jam-Newbie fühle ich mich willkommen und ganz ohne prüfende Initiation in die Reihen jener aufgenommen, für die der Jam längst zum jährlichen Klassentreffen geworden ist. Wer wie ich unzählige auf Attitüde bedachte Tech- und Digital-Summits besucht hat, dem fällt rasch auf, wie sehr man sich hier bemüht, aus einem Nebeneinander ein Miteinander zu machen. Was auch gelingt. – Und sich ein klein wenig anspürt wie ein überdimensionierter Sozialarbeiter*innen-Workshop.

Verletzlichkeit, Purpose und kein Sudern

Der Jam 2021 startet pünktlich und glücklich und in rosa Sneakers: Mit Maike van den Boom, Business-Glücksexpertin aus Stockholm. Sie liefert die Einsicht, dass Skandinavier*innen nicht nur um ihre Lebensqualität und ihren sozialen Frieden zu beneiden sind, sondern ebenso um ihr Mindset, das sie zu vertrauensvollen, gemeinsinnorientierten Individualisten macht. Wer wie die Wikingerenkel*innen davon ausgeht, dass jede*r in einer Gruppe einen wertvollen Beitrag liefern kann, ist auch bereit, jede*n zu hören, wenn es um Verbesserungen geht. Und das Zeigen von Verletzlichkeit (ja, doch, Wikingerenkel*innen!) fungiert als Schlüssel zu einem Beziehungsgeflecht auf Augenhöhe, in dem dies auch möglich wird.

Die Moderatorin des ersten Tags, Karin Krobath (Idenifire, rechts), mit Maike van den Boom (links).

Ebenfalls bemerkenswert: Die Keynote von Barbara Blaha, Ex-ÖH-Vorsitzende und seit 2019 “Eine von vielen” beim Momentum Institut, einem von ihr gegründeten Think Tank zu wirtschaftspolitischen Fragen. Ihr gelingen am Tag 2 des Jams begeisternde Worte zu “Purpose”, ohne diesen längst maximalstrapazierten Begriff weiter zu bedrängen. (Danke!) Sie erzählt, wie es sich anfühlt, was sie tut und wie sie’s tut. Und warum. Und lässt keinen Zweifel daran: Wer sein “Why” vor Augen hat und wie er/sie anderen oder dem großen Ganzen einen positiven Drall geben kann, bleibt motiviert.

Barbara Blaha (Momentum Institut) über “Werte brauchen ein Warum”.

Highlight Nummer drei: Die lockeren Niceherren, Roland Fink und Christian Moser, der eine CEO, der andere Organisationsentwickler (“mit einem Bein in der Kündigung”) des steirischen Ecommerce-Überfliegers Niceshops. Die Kultur des Unternehmens, das seit 2007 von null auf 500 Mitarbeiter_innen gewachsen ist und mittlerweile über 340 Online-Shops betreibt, wird laut Gründer Fink von einem Gedanken getragen: “Wer hier arbeitet, soll keinen Grund haben, feierabends Partner oder Partnerin anzusudern.” – Viele glückliche Beziehungen in Paldau und Umgebung also, “Social Impact” par excellence.

Und das Wetter spielte auch mit: Workshop im Hof.

Ja, natürlich, der Corporate Culture Jam bot noch mehr. Impulse, weitere Keynotes, Diskussionsrunden, Workshops – und vor allem besondere “Moments” mit einer großartige Begleitband aus dem Burgenland. – Und was bleibt davon? Nette neue Kontakte, ein paar feine Inspirationen – und der gute Vorsatz, auch nächstes Jahr am Klassentreffen teilzunehmen …

Ein Ereignis für sich: Manuel Komosny und Friedrich Schnalzer, die ,,EidaxlCombo”.

Fotos: Ernst Demmel

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Events Purpose Marketing

Das Leitnarrativ: Purpose als Story

Eine starke, nachhaltige Unternehmenserzählung mit einem Leitnarrativ im Kern, ist ein häufig etwas verborgener, nicht einfach zu hebender, aber wertvoller Schatz. – Prolog zu einem Workshop-Angebot.

Vor gut 2000 Jahren gründete Ex-Pharisäer Paulus von Tarsus auf Basis eines heilsversprechenden Messias-Narrativs die größte Religionsgemeinschaft der Welt. Seinem Herrn und Meister ist er selbst – außer in Visionen – nie begegnet.

Der Elektronik-Nerd und langhaarige College-Aussteiger Steve Jobs erkannte Anfang der 70er-Jahre das Potenzial des Hardware-Gurus Steve Wozniak und baute mit ihm (später ohne ihn) einen Milliardenkonzern auf.

Der rot-weiß-rote Zahnpasta-Handelsvertreter Dietrich Mateschitz entdeckte 1982 in Hongkong den asiatischen Muntermacherdrink „Krating Deang“ (“roter Stier”), passte die Rezeptur geringfügig an und füllt das Getränk nun jährlich in 4 Milliarden Blechdosen ab. In nur zwei Dekaden wurde er reichster Österreicher.

Was haben diese drei Gründungsmythen gemeinsam?

  • Reich und mächtig werden nicht immer die Erfinder oder Urheber selbst.
  • Betrachtet man einen Mythos genauer, erweist er sich als brüchig.
  • In Erfolgsgeschichten stecken häufig archetypische Elemente wie mystische Zeichen, Helden, Mentoren oder magische Waffen.
Das Leitnarrativ als prägnante Orientierungshilfe

Wie diese Elemente zueinander stehen und interagieren, das zeigen verschiedene Ansätze aus dem Storytelling. Sie finden immer bewusster Anwendung im Content Marketing, um der zunehmenden Werbemüdigkeit von Kund*innen der „Post-Advertising World“ zu begegnen. In Blogposts oder YouTube-Videos verpackte, “storyfizierte” Verkaufsversprechen helfen, die verlorengegangene Aufmerksamkeit für Marken und Produkte ein Stück zurückzugewinnen.

Weit weniger präsent ist der Einsatz von Methoden aus dem Storytelling für das Finden und Freilegen sinnstiftender Leitnarrative. Ziel hier ist es, eine vertieftere und prägnantere Orientierung zu liefern, als dies klassische Leitbilder bisher taten. Letztere wirkten, weil doch statisch, häufig bloß als Behübschung für Websites und Repräsentationsräume. Ein Erzählung, die wie ein Schatz entdeckt und zum Leuchten gebracht werden kann, weist hingegen einem Unternehmen, einer Organisation, einer Marke stets den richtigen Weg – und dies in immer neuen Zusammenhängen.

Geschichten und ihre Protagonisten veranschaulichen Zusammenhänge und ihre Folgen.

Unsere gesamte Erinnerung, unsere Wirklichkeitskonstruktion baut auf Geschichten auf. Narrative formen Persönlichkeiten – von Menschen wie von Organisationen. Unser episodisches Gedächtnis sorgt dafür, dass wir uns als am Geschehen Beteiligten erfahren können. An vergangenen, “realen” (meist verklärten) Ereignissen, aber auch an zukünftigen, “fiktiven”.

“Purpose”, “Want” und “Need”

Leitnarrative bieten Anknüpfpunkte, um Mitarbeiter*innen, Kund*innen – aber auch Lieferant*innen und andere Stakeholder – mit der Unternehmensvision oder dem Markenkern zu verbinden und das “Why” eines Betriebs emotional aufzuladen. Nach den Erkenntnissen der Gehirnforschung führen so durch “Innere Bilder” (“Mental Images”) stabilisierte Beziehungen zu den erfolgreichsten Effekten, etwa bei Lern- und Merkprozessen. Vor allem aber, was Loyalität und Commitment betrifft.

Die entscheidende Frage: Sind Sie bereit für eine Suchmission, für eine Helden-Reise? Und wenn ja, was ist Ihr WANT und was Ihr NEED?

Die in packenden Unternehmenserzählungen verborgenen Prinzipien sind erlernbar und können in allen Bereichen der Corporate Culture angewandt werden. Ein Leitnarrativ beinhaltet eine übergeordnete „Moral der Geschicht’“, die vertrauensbildende, sinnstiftende Vision, den “Purpose”. Darin eingebettet findet sich mit dem etwas profaneren „Want” ein – in der Regel – grob quantifizierbares Ziel, auf das ein Team, ein Unternehmen, eine Organisation zusteuern möchte. Die Rückseite der Medaille bildet das häufig weniger bewusste „Need“, das verborgene Sehnsüchte oder eigentliche, grundlegendere Bedürfnisse repräsentiert. Im Sinne einer nachvollziehbaren Entwicklung ist es essentiell, auch diese Seite zu beleuchten. Und hier nicht bloß das eigene „Need“, sondern auch jenes der Kund*innen – der internen wie externen.

Ein Beispiel aus der Nachbarschaft: “Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.” – Dieses von Goethes „Faust“ geliehene Zitat wurde leicht adaptiert und ziert seit 1992 als Claim „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ die von Götz Wolfgang Werner 1973 in Karlsruhe gegründete und heute überall präsente Drogeriemarktkette „dm”. Dieser auf den ersten Blick einfache Satz unterstreicht den Purpose: Der Kunde ist weit mehr als nur Verbraucher, sondern „Mitmensch und Partner“. Und wenn man, wie der bekennende Antroposoph Werner, das Ursprungszitat ernst nimmt, so schließt das die rund 63.000 Mitarbeiter*innen von dm nicht nur ein, sondern setzt sie gleichberechtigt an erste Stelle.

Mehr als Shampoo, Babywindeln und Haarschnitt

Folge dieses – im Laufe der Unternehmensentwicklung – identifizierten “Needs” sind etwa die erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten Ausbildungskonzepte für dm-Lehrlinge, von Werner „Lernlinge“ genannt. Die jungen Mitarbeiter*innen werden ganzheitlich mit der innovativen und offenen Kultur eines „lernenden” Unternehmens vertraut gemacht.

An diesem Beispiel sieht man gut die wechselseitige Verschränkung von Unternehmens- und Konsumentenerzählung. Wichtig ist dabei der Perspektivenwechsel, um die unterschiedlichen Rollen und Bedürfnisse zu erkennen. Im einen Narrativ hat das Unternehmen die Rolle des Protagonisten, im anderen die des Mentoren.

Was ist mit Mentor genau gemeint? In einer Erzählung wird der Protagonist häufig von einem Mentor bestärkt, seinem Ruf (seiner Aufgabe) zu folgen. Dabei unterstützt der Mentor den Helden immer wieder auf dessen Reise zum Ziel. In der Literatur sind es Gutmeinende wie der Zauberer Gandalf aus “Herr der Ringe”, der hier den Hobbit Frodo fordert und ihm hunderte Seiten oder Filmminuten lang beisteht. Häufig gereicht der Mentor dem Helden eine magische Waffe oder hilft ihm, eigene verborgene Kräfte freizulegen. (Auf den – durchaus spannenden – Aspekt der “magischen Waffen”, möchte ich hier nicht weiter eingehen, um den Rahmen nicht zu sprengen. Aber auch diese sind für Leitnarrative von Bedeutung.)

In obigem Beispiel ist die Marke dm Mentor für den Konsumenten – auf dessen Lebensstil- und Gesundheitsreise. Man möchte nicht einfach nur ein Drogeriemarkt sein, sondern die wahren “menschlichen” Bedürfnisse der Kunden erkennen und ein perfektes Angebot an Produkten und Dienstleistungen in bester Shopping-Atmosphäre und zu fairen Preisen bereitstellen. – Die “wahren” Bedürfnisse sind aus “Want”- oder “Need”-Perspektive betrachtet deutlich mehr als ein Shampoo, Babywindeln oder ein Haarschnitt.

Eine emotionale Bindung, die überdauert

Unternehmenskommunikation lebt vom Vertrauen. Kund*innen und Mitarbeiter*innen glauben einer Geschichte, wenn sie diese zu ihrer gemacht haben. Dazu gehören auch Hindernisse oder Fehler des Helden, seine inneren wie äußeren Konflikte und ihre (anstrengende, nicht gesetzte) Überwindung. Dies alles hilft einem Publikum, sich in eine Story emotional einzuleben und macht den Protagonisten – im Leitnarrativ eben das Unternehmen, die Organisation oder die Marke – zu einer authentischen Projektionsfläche. Extern wie intern: Bei Herausforderungen bestärkt das Leitnarrativ als Glaubensbekenntnis, sich auf eigene Stärken zu besinnen.

Nicht erst seit den jüngsten Krisen gewinnt “Purpose” massiv an Bedeutung. Heute erwarten Kund*innen wie Mitarbeiter*innen von Unternehmen, Organisationen und Marken, dass diese verantwortungsbewusst agieren, für Werte einstehen. Diese Überzeugungen wollen sie aufrecht und fassbar geschildert bekommen. Dort, wo Kundenbedürfnisse in den Mittelpunkt rücken, in Form einer Konsumentenerzählung, die das “Need” beschreibt.

Das Christentum, Apple und Red Bull verdanken ihren Appeal einfachen, aber packenden Storys, die nicht nur Millionen begeisterten, sondern dies auch weiter tun werden: Gute Geschichten erheben sich über die Zeit. Immer vorausgesetzt, man enttäuscht sein Vis-a-vis nicht: Mit dem Leitnarrativ wird Kund*innen wie Mitarbeiter*innen ein Versprechen gegeben, dass es zu halten gilt.


Leitnarrativ-Workshop
mit Gerald Harringer

Für alle, die neugierig geworden sind, für ihr Unternehmen oder ihre Organisation ein lebendiges und authentisches Leitnarrativ unter professioneller Anleitung freizulegen und zu beleuchten, biete ich ab September 2021 zweiteilige Einzel- oder Team-Workshops auf Basis eines bereits erprobten Formats.

Mit der Auseinandersetzung und dem Ergebnis einher gehen eine Schärfung der Positionierung, positive Effekte fürs Teambuilding sowie – ganz allgemein – eine Verbesserung der Unternehmenskultur wie -kommunikation. “Der Schatz alleine ist wertlos, die Geschichte des Schatzes ist das Wesentliche.”

Aber Achtung: Meine Workshops finden nicht nur in Seminarräumen statt!

Das etwas andere “Ich-habe-Interesse-Formular” unter
https://storyplexia. fabrikanten.com.


Noch eine Bemerkung zur Textgestaltung: Ich habe bei Begriffen wie “Held”, “Protagonist”, “Mentor” zugunsten der Lesbarkeit auf eine weibliche bzw. diverse Form (mit *) verzichtet. Selbstverständlich sind hier alle Geschlechter gemeint.


Fotos:
Key-Visual “Turn to clear vision”: Matt Noble | Unsplash
Foto “Jury”: Die Fabrikanten
Foto “Yes / No”: Erich Goldmann
Foto Gerald Harringer: Leah Hochedlinger

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