Was von der guten alten AIDA-Formal auch heute noch Bestand hat, ist der Anfang: “Attentation”, die Aufmerksamkeit … und die ist immer schwerer zu bekommen.

Der österreichische Autor und Berater Christian Mikunda, seit den 1990er Jahren weltweit als Experte für Strategische Dramaturgie bekannt, hat im Rahmen seiner “Hypnoästhetik” das Erzielen von Aufmerksamkeit mittels Destabilization in eine Schlüsselposition gesetzt.

Die Radikalen Töchter aus Berlin rocken mit ihren Aktionen unsere Sinne und bringen damit nicht nur Interesse und Schwung in die politische Absicht, sondern wecken damit auch die Aufmerksamkeit für unsere eigene Selbstwirksamkeit. – Wie Gegenwartskunst und ihre Ausdrucksformen überhaupt ein Feld der gezielten, konstruktiven Irritationen darstellt.

Unternehmen wiederum geht es um Verkäufe, den Medien um Quoten. Kaufinteresse, Auflagen und Einschaltzahlen bemessen den Erfolg – Aufmerksamkeit ist die Währung schlechthin im Wettbewerb der Botschaften und Nachrichten.

Aufmerksamkeit steht für eine Wertschätzung, die sich mit Geld nicht bezahlen lässt.

Für jede:n von uns wird es zunehmend schwieriger zu entscheiden, was mensch zunächst beachten soll, was erst im Anschluss … und was überhaupt nicht. – Letztlich hat der Tage für alle nur 24 Stunden.

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne ist von zwölf Sekunden im Jahr 2000 auf unter acht gesunken und wir sollten sie bei unseren Adressaten nicht missbrauchen. Und in Abwandlung eines Zitates von Joseph Pulitzer könnte gelten: „Eine Botschaft ist erst dann eine Botschaft, wenn der zweite Blick den ersten bestätigt.“ Doch wie lässt sich dieser zweite Blick provozieren?

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Christian Mikunda beschreibt Destabilzation als ultimativen Trigger für Aufmerksamkeit. Foto: David Saller.

Nach Christian Mikunda ist Destabilization “eine Technik der kontrollierten Verwirrung, die uns geradezu hypnotisch dazu zwingt, uns der Welt gegenüber zu öffnen”. Zu diesem Zweck werden Menschen mit Tabubrüchen oder Verfremdungen aus dem inneren Gleichgewicht gebracht – und sie greifen dann nach dem nächstbesten Strohhalm, der sie wieder stabilisieren soll. Destabilization ist deshalb ein wichtigstes Werkzeug gegen unsere Abstumpfung, triggert einen zweiten Kontakt mittels irritierendem Impuls, sucht also geradezu den „zweiten Blick“.

Dies wurzelt im Bedürfnis des Menschen nach Wiederherstellung von innerer Harmonie und einem Ins-Gleichgewicht-bringen des Energiehaushalts. Dieser Abgleich erfolgt mit kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen, die bestätigen, dass die Irritation ihren Aufwand wert und somit das Interesse gerechtfertigt ist. – Soweit das Prinzip …

Kurz: Aufmerksamkeit gewinnt man durch Werte, die bleiben, und durch Irritationen, die sich in einem zweiten Blick als interessant und gewinnbringend erweisen.

Irritationen, die Interesse generieren, sind – wie die Kunst – vor allem dazu da, unser Leben reicher zu machen, unser Weltbild umfassender zu gestalten und das Fremde als weniger bedrohlich erscheinen zu lassen.


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Cover: Econ Verlag, 2018.
Buchtipp

Christian Mikunda: “Hypnoästhetik: Die ultimative Verführung in Marketing, Handel und Architektur”

Warum verwendet eine spanische Modekette Schaufensterpuppen, deren lange Wimpern auf die Wangen hinunter gerutscht sind? Warum leuchten nachts tausende weiße Rosen auf Zaha Hadids koreanischer Dongdaemum Design Plaza? Weshalb liegt in einem edlen britischen Laden eine hölzerne Beinprothese aus dem ersten Weltkrieg? Und was hat das alles mit Leonardo da Vincis berühmter Mona Lisa zu tun?

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Beitragsfoto: Brands&People | Unsplash.

Kommentare an: Der zweite Blick: Mit Irritieren interessieren

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