Die aktuelle Krise forcierte unzählige Veränderungen. Und manche dieser Werte, Verhaltensweisen und Meinungen werden überdauern. Wie begegnen wir dem Wandel?

Was Unternehmen und Organisationen im Herbst 2020 beschäftigt, ist nicht nur die Frage, wie eine wirtschaftliche Ausnahmesituation bewältigt werden kann. Mit den Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie gehen kulturelle Erfahrungen einher, die manches grundlegend auf den Kopf stellen – und mitunter gnadenlos Stärken und Schwächen aufzeigen: von Politik, Gesellschaft, Organisationsstrukturen, Werkzeugen und von uns als Menschen.

Für die Wirtschaft bedeutet dies, sich mitten im Überlebenskampf auf neue Gegebenheiten einstellen zu müssen: Mitarbeiter*innen, die Arbeitsbedingungen kritisch hinterfragen, Kund*innen, die plötzlich wertesensibel handeln, aber auch weniger konsumieren (können), Lieferant*innen-Beziehungen, deren Instabilität sichtbar wird, langjährig entwickelte Strukturen, Prozesse und Tools, die sich als zunehmend untauglich herausstellen.

Am 20. Oktober war ich eingeladen, für den „HR Coworking Day for Executives“ Überlegungen zu skizzieren, welche dieser Veränderungen die Krise wohl überdauern werden, um uns in den Post-Corona-Jahren weiter zu begleiten. Wie in diesen Tagen häufig der Fall, fand auch diese Diskussion per Videokonferenz statt. Die Teilnehmer*innen: „Team & Culture“-Expert*innen von Business Upper Austria, ePunkt, Gepardec, Holter, Keba, Netural, Roomle, Tele Haase, Trench Group und WAG.

Mein Input: „Die Covid-19-Krise forciert Entwicklungen, die bleiben werden.“

  • New Work nach Covid-19
  • Digitale Pendler
  • Digitale Pendler
  • Der schnelle Zoom-Call
  • Der schnelle Zoom-Call
  • Kolleg*innen schützen als Dienst am Ganzen
  • Kolleg*innen schützen als Dienst am Ganzen
  • Neue Achtsamkeit auf die Gesundheit der Mitarbeiter*innen
  • Neue Achtsamkeit auf die Gesundheit der Mitarbeiter*innen
  • Leerlauf ist Weiterbildungszeit
  • Leerlauf ist Weiterbildungszeit
  • Das gestiegene Selbstbewusstsein der Systemrelevanten
  • Das gestiegene Selbstbewusstsein der Systemrelevanten
  • Stabilisierung durch Re-Regionalisierung
  • Stabilisierung durch Re-Regionalisierung
  • Soziale Medien befeuern den Wahnsinn
  • Soziale Medien befeuern den Wahnsinn
  • Wie begegnen wir dem Wandel?
  • Danke

Acht Prognosen, abgeleitet aus Beobachtungen, Gesprächen und Recherchen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Jedoch mit Anspruch auf Wirksamkeit. Keiner dieser Punkte wird Bestehendes unberührt lassen. Manche Entwicklungen sind schon jetzt, mitten in der Krise, nicht mehr rückgängig zu machen, andere werden ihre Folgen erst entfalten.

1. Digitale Pendler oder die Erwartung, dass Homeoffice jederzeit möglich ist

Digitale Pendler
Foto: Fabrizio Verrechia | Unsplash

Wer die letzten Monate überwiegend im Home Office verbracht hat, wird zukünftig kein Verständnis mehr dafür aufbringen, den Arbeitsort – abseits sachlicher Gründe – nicht selbst bestimmen zu können. Mitarbeiter*innen stellen, geprägt von ihren Erfahrungen in der Krise, einen höheren Anspruch auf eine Symbiose von Leben und Arbeiten. Und sie sind im Gegenzug bereit, das Private beruflich sichtbarer zu machen, sei es, wie sie wohnen, was sie zu Hause anziehen oder wie ihre Kinder sie an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen. Somit zieht eine neue Authentizität ein, die wohl als Stil überall durschlägt: Hängt das Business-Kostüm erstmal im Kasten, bleibt es zunächst auch dort.

Für Unternehmen und Organisationen bedeutet dies, dass sie agiler, flexibler und digitaler werden müssen. Und gezwungen sind, Vertrauen zu entwickeln. Eine Herausforderung kommt auf Personalchef*innen jedenfalls zu: Zwischen Büroangestellten und den „unfreien“ Fachkräften, die vor Ort antreten müssen, wächst eine Kluft, die es zu überwinden gilt.

2. Der schnelle Zoom-Call

Der schnelle Zoom-Call
Foto: Dylan Ferreira | Unsplash

Kaum ein digitaler Dienst hat derartig von Covid-19 profitiert, wie das amerikanische Softwareunternehmen Zoom. Die Nutzerzahlen explodierten innerhalb eines Jahres auf das 30-fache, die Aktie kletterte von 60 auf 500 US-Dollar. Tatsächlich kennt bald niemand mehr jemanden, der keine Videokonferenzen nutzt, sei es Zoom oder ein anderes Service. Gerade kürzere Meetings werden seit dem Shutdown digital abgehalten. Wegen einer 60-Minuten-Besprechung zwei Stunden oder länger im Auto oder in der Bahn verbringen? – Kein Thema mehr.

Damit einher geht jedoch nicht nur ein gewisser Statusverlust von Dienstwägen, Flügen und teuren Hotels, sondern auch der Umstand, dass rein digitale Geschäftsbeziehungen zunehmen. Es wächst die Distanz. Dort, wo man sich stets auf gute persönliche Kontakte, auf die berühmte Handschlagqualität, verlassen hat, durchaus ein Problem.

Abgesehen davon war Reisezeit für viele Mitarbeiter*innen im Außendienst oder im Projekteinsatz eine gute Gelegenheit, sich zwischendurch ein wenig zu entspannen. Mehr Effizienz durch Videokonferenzen bedeutet nicht zwangsläufig mehr Freizeit, sondern häufig einfach nur ein höheres Tempo. Mit der Taktung steigt der Druck.

3. Kolleg*innen schützen als Dienst am Ganzen

Gesundheit
Foto: Kelly Sikkema | Unsplash

Kollegial handeln heißt ab sofort, bei Schnupfen zuhause zu bleiben. War es bisher ein Zeichen von Engagement, sich mit erhöhter Temperatur und triefender Nase ins Büro zu schleppen, so wird dies nach der Corona-Krise geächtet bleiben. Auf die Gesundheit anderer Rücksicht zu nehmen, verlangt nun das soziale Gewissen – und der Gruppendruck.

Für die dringenden Aufgaben springt der/die Kolleg*in ein. Oder auch nicht – und man muss sie vom Homeoffice aus erledigen, mit der Wärmflasche am Körper. (Geht ja, siehe 1.) Das bringt nicht nur das Gesunden, sondern auch die Rechtslage in eine Zwickmühle: Sozialversicherungen kannten bislang nur „gesund“ oder „krank“.

Ansteckungsgefahr als Soziobremse? Kann man so vermuten. Am schlimmsten wirkt der Verdacht. Und so stirbt mit der subjektiven Zunahme potenzieller Gefährder*innen auch so manches, inniges Ritual: Bussibussi-Gesellschaft ade.

4. Neue Achtsamkeit auf die Gesundheit der Mitarbeiter*innen

Gesundheit
Foto: Dominik Wycislo | Unsplash

Unternehmen und Organisationen werden verstärkt danach bewertet, wie achtsam sie mit der Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen umgehen. Zwar gab es vielerorts schon bisher betriebliche Gesundheitsprogramme – vom Fitness-Studio über kostenlose Impfungen bis zum Mental-Coaching – trotzdem befeuert die restriktive Einhaltung der Covid-19-Bestimmungen das Schutzbewusstsein. Das Thema „Gesundheit“ trifft mit der Pandemie nicht mehr die/den Einzelne*n, sondern die Gemeinschaft. Wer hier Nachlässigkeit oder zu wenig Sensiblität zeigt, steht schnell in öffentlicher Kritik.

Mit diesem Paradigmenwechsel rücken auch Gesundheitsthemen abseits von Covid-19 ins Aufmerksamkeitsfeld. Die Digitalisierung bringt gleich zweierlei mit sich: Zum einen eine Reihe praktischer Services, die helfen, die Mitarbeiter*innen-Gesundheit skalierbar zu fördern, etwa Apps für gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung oder das Messen und Beobachten von Körperfunktionen. Unternehmens-Abos für Mitarbeiter*innen werden demnächst boomen, vorausgesetzt, maximaler Datenschutz bleibt gewährleistet – und es kommt hier auch kein Zweifel auf.

Zum anderen sind es die sichtbar werdenden Gesundheitsfolgen der Digitalisierung selbst, die verantwortungsbewusste Unternehmen veranlassen, Initiativen zu setzen. Etwa „Digitalfasten-Ruhezonen“ und fixe, „digitalfreie“ Regenerationszeiten als Ausgleich zur permanenten Verfügbarkeit durch eMail, Zoom, Slack & Co.

5. Leerlauf ist Weiterbildungszeit

Homeoffice
Foto: Nick Morrison | Unsplash

Das Schöne an Kurzarbeit, Ausgangsbeschränkungen und Urlaube in Balkonien: Viele entdeckten ihre Lust an frischem Wissen. Und da klassische Präsenzveranstaltungen – Lehrgänge, Workshops, Konferenzen – ebenfalls unter Druck kamen, schlug 2020 die Stunde der MOOCs („Massive Open Online Courses“) und virtuellen Symposien, die als möglicher Zugang zu Bildung, nun auch kulturell, nicht nur technisch, in der Mitte der Gesellschaft ankamen.

Was bedeutet das für Unternehmen und Organisationen und ihre Weiterbildungsbudgets? „Education on demand“, digitale Weiterbildungskonten bei Neukurs.com, Iversity, Coursera und anderen Plattformen, gewinnen an Bedeutung. Die Ad-hoc-Verfügbarkeit der Inhalte macht es leicht, Zeiten geringerer Auslastung mit Lernen zu füllen. Die – verglichen mit der Vor-Ort-Teilnahme bei Seminaren – günstigen Kosten ermöglichen ein Ausrollen über alle Mitarbeiter*innen und diesen wiederum ein selbstbestimmtes Entscheiden, welche Inhalte wann konsumiert werden.

Online-Konferenzen und Networking-Events bieten eine kooperative und übergreifende Wissensgenerierung – und sind häufig überhaupt kostenlos. Fehlen noch die passenden Devices: Tablets, Headsets und eBook-Reader für Skripten. Mit einer Frage ist zukünftig bei Bewerbunggesprächen zu rechnen: „Mit welchen Tools und Plattform-Zugängen unterstützt Ihr Unternehmen mein Fortkommen?“

6. Das gestiegene Selbstbewusstsein der Systemrelevanten

Systemrelevante Berufe
Foto: Jeshoots.com | Unsplash

Die Shutdown-Wochen von März bis Mai zeigten schonungslos, wie unverzichtbar manche Berufe in einer Gesellschaft sind, auch wenn sie unter normalen Umständen mit wenig Sozialprestige ausgestattet sind. Ob Verkäufer*innen, Pflegehelfer*innen oder Logistikmitarbeiter*innen: Sie alle sind unterdurchschnittlich bezahlt und spielen dennoch eine ganz zentrale Rolle, wenn es darum geht, das zivile Leben aufrecht zu erhalten. Tag für Tag erzählen Covid-19-Dashboards im Hauptabendprogramm von der Auslastung der Krankenbetten und wir TV-Zuseher*innen fürchten gebannt ihren Kapazitätsgrenzen entgegen: „Systemerhalter*innen“ sind die heimlichen Stars der Krise.

Auch in den meisten Unternehmen und Organisationen wirken Menschen, deren Bedeutung gerne übersehen wird. Hilfs- und Assistenzjobber*innen galten bislang als leicht austauschbar. Zu präpotent gedacht. Gerade viele „unsichtbare“ Mitarbeiter*innen sind mit ihrem Einsatzwillen, ihrem Fleiß und ihrer Loyalität tragende Säulen. Die Erfahrungen aus 2020 räumen ihnen die Chance zu mehr Selbstbewusstsein ein. Konsequenterweise sollte sich dies nicht nur in anerkennenden Worten bei der Weihnachtsfeier niederschlagen, sondern vor allem in harten und erfolgreichen „Fair pay“-Verhandlungen.

Doch Corona machte nicht nur die Unverzichtbaren sichtbar, sondern auch die Überbewerteten. Vieles lief trotz Kurzarbeit weiter wie gehabt, mitunter wirtschaftlich durchaus erfolgreich. Womit beim Jahresresümee Orchideen-Rollen im Marketing, im Management und bei der Verwaltung unter Rechtfertigungsdruck geraten.

7. Stabilisierung durch Re-Regionalisierung

Re-Regionalisierung
Foto: Max Duzij | Unsplash

Kaum eine Idee hat angesichts der Pandemie eine derartig traurige und hilflose Figur abgegeben, wie der Europäische Gedanke. Reflexartig schlossen vermeintlich verbündete Staaten ihre Grenzen und fokussierten auf den Schutz der eigenen Bevölkerung und Wirtschaft. In vielen Lieferketten wurde die Abhängigkeit vom Weltmarkt spürbar. Und steuerflüchtende Konzerne müssen sich die – nicht unberechtigte – Frage gefallen lassen, mit welcher Moral sie staatliche Hilfen in Ländern in Anspruch nehmen, in denen sie gleichzeitig ihren Beitrag zum Gemeinwohl minimieren.

Das Vertrauen in den Wohlstand dank Globalisierung schwand auch bei den Konsument*innen. „Buy local“ gilt weiter als Gebot der Stunde, zumal auch nachhaltiger und klimaschonender. Selbst viele Klein- und Mittelbetriebe reagieren und stricken ihr Beziehungsgeflecht neu: Lieferant*innen, Dienstleister*innen und Abnehmer*innen vor Ort schützen vor globalen Instabilitäten – vor gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Fallstricken der Internationalisierung.

8. Soziale Medien befeuern den Wahnsinn

Social Media Wahnsinn
Foto: Nik Shuliahin | Unsplash

Von Beginn der Kise an fand die Schlacht um eine Corona-Deutungshoheit auf Facebook, Twitter & Co statt. Die Plattformen gaben Millionen von selbst ernannten Infektiolog*innen einen Zugang zur Öffentlichkeit und polarisierten zügig in Covid-19-Maßnahmen-Befürworter*innen und -Gegner*innen. Fernsehen und Presse, die zunächst ihre Chance auf tragende Relevanz witterten, rutschten mit einem Info-Overkill rasant in die Teil-des-Problems-Ecke. Mittlerweile stehen sich die Filter-Bubbles unversöhnlich gegenüber, bereit, jede Form von Zusammenhalt zu opfern. Desinformation, Irrglaube, Panikmache und Hate Culture untergraben die Solidarität in der Gesellschaft und erschweren konstruktives, lösungsorientiertes Handeln.

Welche Konsequenzen hat dies für Unternehmen und Organisationen? Neben einer Spaltung der Belegschaft und einem schalen Beigeschmack, der mit jeder Form von Krisengewinnlertum in den Sozialen Medien einhergeht, die Erfahrung, dass Kompetenzträger 2020ff an Vertrauen verlieren. Wer braucht schon Expert*innen, wo Halbwissen mehr Erfolg verspricht? Das Establishment instrumentalisiert in den Augen vieler die Sachlichkeit zum eigenen Vorteil, aus der Vernunft spricht die Unterdrückung, die es für die Ohnmächtigen zu bekämpfen gilt.

Artikel-Foto: Bruno Emanuelle via Unsplash

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