Diesen November lädt „The House of Beautiful Business“ willige Wirtschaftsromantiker*innen zu einem wilden, inspirierenden Gathering nach Lissabon. Tim Leberecht, verantwortlich für diese sehnsüchtig-kreativen Ausschweifungen, über die Schönheit und Bedeutung von Luftschlössern.

Erstmals sah und hörte ich Tim Leberecht vor ein paar Jahren in Hamburg. Auf der Bühne der „Next“, einer zu dieser Zeit angesagten Digitalkonferenz. Er sprach über die Notwendigkeit von Romantik in der Wirtschaft. Und er sprach mir aus dem Herzen. Schon am nächsten Tag bestellte ich sein Buch „Der Business-Romantiker – Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben“, um es zu verschlingen. Später weitere zwei Exemplare, um sie meinen Kunden zu schenken.

Tim Leberecht bei der Next Conference 2015.

Tim ist ein vorerst ins alte Europa heimgekehrter Silicon Valley-Manager, Erfolgsautor, Berater und Vordenker sowie Co-Gründer der „Business Romantic Society“, welche wiederum die Community „The House of Beautiful Business“ hostet („to make humans more human and business more beautiful“). Im Coronaherbst 2020 erschien sein zweites Buch, „Die Diktatur der Gewinner – Wie wir verlieren können, ohne Verlierer zu sein“. Diesen Sommer übersiedelt er von Berlin nach Portugal. Ende Oktober lädt er dort zu „Concrete Love“.

Und nun sitzt er mir, gut gelaunt, im Zoom-Call gegenüber.

Der Begriff „Schönheit“ scheint wieder in Mode zu sein. Siehe „House of Beautiful Business“, aber auch „Zentrum für politische Schönheit“? Welche Idee steckt hinter diesem Begriff? Was kann „Schönheit“ gesellschaftlich, was Moral nicht kann?

„Ich denke auch, dass wir eine Rückbesinnung auf Schönheit erleben. Schönheit war ja stets mehr, als eine rein ästhetische Qualität: Die Vorstellung von einem harmonischen Leben mit der Umwelt, mit anderen Menschen, mit dem Kosmos an sich; eine Wertschätzung von Dingen, die nicht greifbar sind. Und dieses Ungreifbare, Unmessbare, Unermessliche … das ging durch die Industrialisierung, durch ihren Effizienzzwang, verloren.

Wir haben nach den Optimierungs-Exzessen, die mit der Digitalisierung einher gingen, gemerkt, dass dies in der Wirtschaft nicht reicht. Es fehlt etwas. Andere Werte, andere Lebensentwürfe müssen eine Rolle spielen. Und so rückt der Begriff „Romantik“, der ja, zumindest in meinem Schaffen, der Vorläufer des Begriffs „Schönheit“ war, in den Vordergrund.

„Wir lernen zu verstehen, dass Menschen ihre Arbeit auch schön machen können – und dass dies vielleicht das Einzige ist, was bleibt.“

Tim Leberecht

Als wir das „House of Beautiful Business“ initiierten, war der Name dann auch Provokation. Viele Businessleute meinen, Schönheit sei Luxus. In der Wirtschaft ginge es um Produktivität, um Erfolg, um Rendite. Aber gerade vor dem Hintergrund von Automatisierung und künstlicher Intelligenz lernen wir zu verstehen, dass Menschen ihre Arbeit auch schön machen können – und dass dies vielleicht das Einzige ist, was bleibt.“

Wie darf man das verstehen?

„Eine Arbeit schön zu machen, also mit Fantasie, mit Hingabe, mit Empathie, auch mit einem gewissen Ermessensspielraum … das ist etwas zutiefst Menschliches. Deshalb denke ich auch, dass sich die Bedeutungen von „Schönheit“ und „Moral“, um auf deine Frage zurückzukommen, überlappen.

So gibt es Bestrebungen, die Rechtssprechung zu automatisieren. Eigentlich sollten Algorithmen die bessern Richter sein, weil sie weniger Fehler machen und mehr Informationen miteinbeziehen können. Aber der Mangel an Flexibilität ist tatsächlich ein Problem. Es braucht Spielräume, um Gnade walten zu lassen. Das erst ermöglicht Gerechtigkeit.“

Was hat dich zu diesen Einsichten geführt? Zu dieser Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben?

„In seh’s als Heimkehr. Mein Großvater war Filmemacher, mein Vater Betriebswirt. Ich hatte beide Stränge angelegt, das Kaufmännische und das Künstlerische. Und die Schnittstelle zwischen Business und Geisteswissenschaften ist jetzt so ein bisschen mein Zuhause geworden.“

Eigentlich warst du Musiker, habe ich gelesen …

„Ja, ich hab‘ ein paar Jahre versucht, als Musiker zu leben. Leider war das kommerziell nicht von Erfolg gekrönt. Aber doch wahnsinnig lehrreich. Gleichzeitig empfand ich Business immer schon als großes Abenteuer, in dem man sich ausprobieren kann. Und so kam ich nach Silicon Valley und blieb neun, zehn Jahre lang. Dabei hab‘ ich in vielen Situationen durchaus gelitten, wie eben jemand der von der Kunst oder den Geisteswissenschaften kommt. Und ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass in der Wirtschaft alles so eng ist, so sehr auf einen kleinen Ausschnitt reduziert wird. Manche Investoren denken tatsächlich eindimensional und menschliches Wohlergehen spielt für sie kaum eine Rolle. Nach einer Zeit erkannte ich dann, dass ich mich nicht anpassen muss, dass es hier subversive Gegenstimmen braucht, die Dinge glaubwürdig in Frage stellen. Mit 40 schrieb‘ ich dann mein erstes Buch (Anm.: „Der Business-Romantiker: Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben“, Droemer Verlag).“

Wie würdest du dein Bild einer „romantischen“ Wirtschaft skizzieren? Was unterscheidet sie? Wie ticken romantische Manager*innen?

„Ich glaube, romantische Manager*innen wissen, dass es immer noch eine andere Welt gibt, eine andere Wahrheit oder Perspektive, nicht bloß eine nüchtern-finanzielle Sicht. Und sie sind in der Lage, ihrer Intuition zu folgen. Ein romantischer Chef sagt schon mal, „aufgrund der vorliegenden Daten müsste ich die Entscheidung so treffen, aber mein Gefühl sagt mir, nein, hier geht es nicht nur um Zahlen.“ Und: „Ja, ich habe diese Freiheit!“ – Das ist zutiefst romantisch.

Romantische Manager*innen verbindet eine breite emotionale Landschaft, die auch sogenannte negative Emotionen umfasst: Zwischentöne; Melancholie oder Trauer. Sie müssen sich nicht immer nur glücklich geben.

Und es zählen Vorstellungskraft und der Mut, irrelevant zu sein oder irrelevante Gespräche zu führen, dazu. Das sind potenzielle Quellen für Innovationen. Wenn wir immer tun, was relevant erscheint, werden wir nie was Neues machen. Träumen, Fantast sein, raus aus der vielzitierten „Box“, Denker*innen und Künstler*innen einladen, um gemeinsam zu spinnen: „Luftschlösser bauen können“ beschreibt diese Qualität am besten.“

Ich kenne das am ehesten aus eigentümer*innengeführten Unternehmen. Dort, wo Gründer*innen selbst am Werk sind. In anderen Betrieben erscheint es schwieriger, solche Gefühlswelten zuzulassen.

„Zugang findet man hier nur über Erfahrungen, über eigene Emotionen. Ausschließlich mit Büchern, Folien, Zahlen, Daten, guten Argumenten … wird es nicht funktionieren.

So veranstalten wir (Anm.: House of Beautiful Business) zum Beispiel regelmäßige Abendessen. Sie sind eine Einladung, in eine andere Welt einzutauchen. Und viele kommen, weil sie schon ahnen, dass da noch mehr ist, aber nicht wissen, wie sie es einordnen sollen. Selbst unser jährliches Veranstaltungsflagschiff in Lissabon ist zunächst nur eine Einladung, sich fallen zu lassen. Die einen kehren anschließend nach Hause zurück und es tut sich nichts. Für sie war’s einfach bloß nett. Andere krempeln ihre Organisationen um, ändern ihr Führungsverhalten oder lassen mehr Zwischentöne zu.“

„Zugang findet man nur über Erfahrungen, über eigene Emotionen. Ausschließlich mit Büchern, Folien, Zahlen, Daten, guten Argumenten … wird es nicht funktionieren.“

Tim Leberecht

Wenn hier die Balance zwischen Rationalem und Irrationalem wieder etwas zugunsten des Irrationalen verschoben werden soll, wie kann man dem Umstand begegnen, dass die sichtbarsten Proponent*innen des Irrationalen zuletzt aus einem sehr schrägen Eck kamen: Klima- und Corona-Leugner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen, Trump-Gefolge …

„Die Gefahr, im falschen Kontext zu erscheinen, ist wohl immer gegeben. Romantik hat eine ihre dunkle Seite, die ich nicht schönreden will. Sie hat in den Faschismus geführt. Aber unsere Antwort darauf kann nicht sein, sich auf reine Rationalität zurückzuziehen. Ich glaube, rechtsextreme Bewegungen, die AfD, Corona-Leugner*innen oder Trump-Anhänger*innen haben deshalb gute Chancen, weil wir den emotionalen Resonanzraum in der Mitte der Gesellschaft aufgegeben haben. Es bräuchte in der Politik – und da spreche ich für die deutsche, die österreichische kenne ich nicht so gut – echte Visionen und mehr Emotionalität. Aber eben mit Themen, die nicht von den Rändern und den extremen Ideologien vorgegeben werden.“

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Im Gespräch mit „Business-Romantiker“ Tim Leberecht (links).

Woran machst du fest, dass es überhaupt Zeit für diesen Wandel ist? Sind es nur die bekannten Krisen oder siehst du auch andere kulturelle Indikatoren?

„Eine gute Frage. Wir sind in jedem Fall in einem Endgame und merken, wie die bestehenden Narrative und Systeme auslaufen. Über das Datenzeitalter sind wir wohl hinweg. Ich denke, was ansteht, ist das Überwinden der Anthropozentrizität. Dass wir merken: Der Mensch steht doch nicht im Mittelpunkt.

Zweitens: Wir bewegen uns von einer extrahierenden zu einer generativen Wirtschaft. Das ist die vielbeschworene ökologische Marktwirtschaft, die durch Deep Tech noch deutlich fundamentaler wirkt. Das beste aktuelle Beispiel: Die Covid-19-mRNA-Impfstoffe. Technologien und Plattformen, die so smart sind, sich selbst zu erneuern; die auch nicht mehr so viele Ressourcen verbrauchen.

„Was ansteht, ist das Überwinden der Anthropozentrizität. Dass wir merken: Der Mensch steht doch nicht im Mittelpunkt.“

Tim Leberecht

Und es spielt, befeuert durch Quantencomputing, das Auflösen der binären Logik mit in den Wandel. Wir sind an einer Zeitenwende, wo wir einerseits eine neue Emotionalität, eine neue Innerlichkeit erleben werden, andererseits aber auch Technologien wie Nature-Co-Design oder synthetische Biologie, die plötzlich völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Das Binäre tritt zugunsten einer Vielfalt an Wahrheiten und schöpferischen Möglichkeiten zurück. Die nächsten Jahre werden eine dramatische Zeit, ein extremer Aufbruch, verstärkt auch durch die Pandemie. Jedenfalls unheimlich spannend.“

Du siehst also zwei Paradigmen, die an Bedeutung gewinnen: die Wissenschaft und die Kunst?

„Ja, das ist vielleicht so, dass Wissenschaft und Kunst wichtiger werden – im Gegensatz zu Business und Management. Die Wissenschaft durch die Potenz, die sie jetzt entfaltet, die Kunst als Interpretin, Wissensdeuterin, Lebenscoach, Fantastin. Eine interessante Vorstellung – und im Grunde das, was wir im „House of Beautiful Business“ verhandeln, auch im Herbst in Lissabon.“

Du hast jetzt Lissabon schon mehrfach angesprochen. „Concrete Love – The Making of Beautiful Business“ heißt eure Veranstaltung und dauert vor Ort von 29. bis 31. Oktober. Anschließend folgen vier Wochen mit „Actions“ online. Was darf man sich erwarten?

„Es wird sehr theatralisch, wie beim griechischen Theater gibt es fünf Akte. Dazu drei thematische Stränge, 50 Speaker*innen, viele sehr kreative Formate. Im Grunde ist es eine große Learning Journey, eine Expedition. Das Thema „Concrete Love“ deutet ja schon darauf hin, dass es um die Spannung zwischen dem konkret Materiellen und dem Unfassbaren geht. Das ist ja, was wir jetzt erfahren: „Back to basics“, Pragmatik, Wiederaufbau versus jener Sehnsucht, die durch die Innenschau der letzten 16 Monate gewachsen ist: Im Einklang mit unseren Gefühlen, mit unseren Lieben sein. Und dies nicht mehr missen wollen.“

Concrete Love – The Making of Beautiful Business“
Freitag, 29. Oktober bis Sonntag, 31. Oktober 2021 in Lissabon / Portugal
Online Follow up bis Freitag, 26. November
https://houseofbeautifulbusiness.com/concrete-love

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Lissabon ist im November Schauplatz von „Concrete Love“.

Klingt superspannend. Wäre da nicht die Unsicherheit aufgrund der Pandemie, säße ich schon auf meinen Koffern. Steht jedenfalls als „must“ in meinem Kalender.

„Die Veranstaltung findet zum fünften Mal statt, zum vierten Mal in Lissabon. Ich liebe diese Stadt. Vielleicht, weil sie die der Entdecker ist, durchzogen von einer gewissen Wehmut und Melancholie. Sie erinnert mich an San Francisco. Dieses Licht und ihre Offenheit. Die Westküste Europas, wo alte und neue Kräfte aufeinander treffen.“

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Fotos:

Porträt Tim Leberecht: Darius Ramazani
Videocall: Ernst Demmel
Buch-Cover: Droemer Kaur Verlag
Lissabon: Unsplash | Julian Dik 

Kommentare an: „Romantiker*innen wissen, dass es immer noch eine andere Welt gibt“

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