Agiler Spirit benötigt eine kulturelle Rahmung, die Spannung induziert, Bewusstsein stärkt, Kreativität fördert und Freiheit einräumt. Können hier Kunst und Kulturarbeit Impulse liefern?

Wo in Unternehmen und Organisationen Energien verpuffen, lässt sich meist ohne viel Nachdenken benennen. Die „Räuber“ sind alte Bekannte: Die lästige Bürokratie zum Beispiel, unklare Ziele oder die Kontrollwut der Führungsetage. Meine Erfahrung: 15 Minuten Watercooler-Flurfunk und man hört heraus, wo’s hapert.

Die Quellen des Positiven scheinen schwieriger festzumachen. Wie schöpfen Unternehmen und Organisationen Energie – im Sinne von: Zug- und Schubkraft, Wendigkeit, Ausdauer, Motivation, Kreativität, Resilienz (…)? Auslöser oder Katalysatoren bleiben im Nebel, dem Aufladen geht man weniger findig auf den Grund, wie dem Entladen. – Was durchaus bemerkenswert ist, zumal fast alle Managementlehren betonen, auf dem Weg zum Erfolg besser Stärken auszubauen als Schwächen zu mindern.

Energieschübe für Unternehmen und Organisationen?

Ich habe drei deutschsprachige Expert*innen um Ihre Inputs gebeten, von denen jede*r einen anderen Zugang mitbringt. Alle drei beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wie Unternehmen und Organisationen kulturell bereichert werden können:

Dr. Claudia Borowy
Dr. Claudia Borowy
Dr. Hans Geißlinger
Dr. Hans Geißlinger
Norbert Trawöger
Norbert Trawöger
Die Grenzen der Exzellenz

Wo bleiben also Energieschübe-Strategien für Unternehmen und Organisationen? Es scheint, als hoffe man, dass fairere Provisionsmodelle, schnittigere Firmen-E-Bikes, großzügigere Weiterbildungsangebote, ganzheitlichere Gesundheitsprogramme, Bio-Kantinenessen, Barista-Kaffee und der eine oder andere Kickertisch alles liefern, was es braucht. Doch so attraktiv (und im berühmten „War for Talents“ längst unverzichtbar) diese Bemühungen daherkommen mögen: Damit ist nicht zu rechnen.

„Erkenntnis und Veränderungen beginnen jenseits der Komfortzonen.“

Dr. Claudia Borowy in ihrem Videostatement

Dass topqualifizierte, überzeugte und dem Kundendiktat ergebene Mitarbeiter*innen ihr wertvollstes Mittel seien, schreiben viele „state-of-art“-geführte Betriebe in ihre „Missions“ (wenn auch nicht in diesen Worten). Doch eine „Kultur der Exzellenz“, wie gerne angestrebt, greift mitunter zu kurz, will man sich in einer rasant drehenden Welt inspiriert behaupten: Krisen bewältigen, Trends adaptieren, echte Innovationen setzen, Strukturen wandeln. – Laufendes Quality Management ist eine Sache; proaktive, intrinsisch motivierte, mutige Entwicklung eine andere.

„In jedem Mensch wohnt eine Saite inne, die man ins Schwingen bringen kann.“

Dr. Hans Geißlinger in seinem Videostatement

Während zur Optimierung am Produkt getüftelt und Prozesse zerlegt, analysiert und verbessert werden, benötigt agiler Spirit eine kulturelle Rahmung, die Spannung induziert, Bewusstsein stärkt, Kreativität fördert und Freiheit einräumt. Eine Mentalität, die lebendiger und verrückter ist, als es messbare „Exzellenz“ im Normalfall zulässt – ohne dabei das gemeinsame und wirtschaftliche Ganze aus den Augen zu verlieren.

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Zeitgemäße Architektur ohne Spirit bleibt Kulisse.
Stichwort: Energieschübe

Kann diese Rahmung aus Kunst und Kulturarbeit gespeist werden? (Ja.) Funktionieren „konstruktive Störungen“ als Impulse? (Ja. Unter bestimmten Voraussetzungen.) Wie muss eine Organisation aufgestellt sein, damit Energieschübe überhaupt wirksam werden können? (Schwierig und nur im Einzelfall zu beantworten; in erster Linie „offen für Neues“.)

„Irritation und Störung sind etwas ganz Wesentliches, um die Wahrnehmung zu weiten.“

Norbert Trawöger in seinem Videostatement

Darüber hinaus gilt: Impulse wurzeln in Unbequemlichkeiten, nicht in der Vollversorgung. In der Konfrontation, nicht im Vermeiden. Dabei befähigen sie zum Handeln und zum Wirksamwerden, Einzelne wie Teams. Wer sich im Kontext seiner beruflichen Tätigkeit als Akteur*in, ja als Held*in, ein Stück selbst ermächtigt – und sei es nur im ernsten Spiel – prägt mit dieser Erfahrung die ganze Organisation.


Dr. Claudia Borowy

Dr. Claudia Borowy | Inszenio

Dr. Claudia Borowy ist Gründerin der Agentur Inszenio (Baden-Baden/Berlin) und begleitet seit 2006 Unternehmen mit Methoden der Theaterarbeit. Zu ihren Kunden zählen unter anderem Konzerne wie BASF, Daimler AG und die Deutsche Telekom. „Erkenntnis und Veränderung beginnen jenseits der Komfortzonen“, unterstreicht sie: „Insofern sind Einladungen zum Musterbruch jedenfalls gute Impulse.“ Dennoch darf es in keiner Überforderung münden: „Es braucht eine gute Balance zwischen Bewahren und Verändern. Störungen werden nur dann als konstruktiv wahrgenommen, wenn sie wertschätzend sind.“

Website Inszenio


Dr. Hans Geißlinger

Dr. Hans Geißlinger | Story Dealer

Dr. Hans Geißlinger ist Gründer der „Story Dealer“ (Berlin/Heidelberg), mit denen er seit Ende der 1980er Jahre Interventionsformate realisiert. Er verfasste zu den mit seinen Kompliz*innen für Organisationen getätigten „Überfällen auf die Wirklichkeit“ mehrere Bücher, zuletzt 2007 das (sehr lesenswerte!) „Strategische Inszenierung: Story-Dealing für Marketing und Management“. „In jedem Menschen wohnt eine Saite inne, die man ins Schwingen bringen kann“, bemerkt Geißlinger in seinem Videostatement: „Intervention ist eine Mischung aus Irritation auf der einen und Verführung auf der anderen Seite.“

Website Story Dealer
Wikipedia


Norbert Trawöger

Norbert Trawöger | Bruckner Orchester Linz, Kepler Salon

„Irritation und Störung sind etwas ganz Wesentliches, um die Wahrnehmung zu weiten“, sagt Norbert Trawöger, Künstlerischer Direkter des Bruckner Orchester Linz und Intendant des Kepler Salons, eines interdisziplinären Diskursraums. Er unterstreicht das Nicht-immer-gleich-auf-ein-Ziel-losgehen, was Unternehmen gut täte: „Eine gewisse Zweck- und Absichtslosigkeit“, betont Trawöger, „ist ein großer großer Resonanzraum für unerwartete Energien.“ Das könne man aus der künstlerischen Arbeit mitnehmen.

Website Kepler Salon
Wikipedia


Fotos:

Key Visual: Unsplash | Federica Campanaro
Architektur: Unsplash | Shridhar Grupta

Kommentare an: Art-driven /2: Energieschübe für Unternehmen und Organisationen

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