Wie partizipative Ausstellungen (Re-)Präsentationsflächen in Teilhaberäume wandeln. Persönliche Erfahrungen aus zwei Projekten fernab des klassischen Kunstbetriebs.

November 2012. Anlässlich eines Besuchs unserer kroatischen Partneragentur Bruketa Zinic verfing ich mich frühabends im „Museum of Broken Relationships“, einer Dauerausstellung von Partnerschaftsschicksalen in einem kleinem Barockpalast in der Zagreber Altstadt. Ob nasenloser Gartenzwerg aus Laibach, Fake-Brüste aus Belgrad, Hundehalsbandlicht aus Berlin oder rote Perücke aus New York: Jedes der zahlreichen Exponate erzählte hier seine Geschichte. In Summe der Sound ganz persönlicher Erinnerungen jener Loslassenden, die die diese Stücke gebracht oder geschickt hatten; intime Einblicke, weshalb ausgerechnet diese alten, entbehrlichen Dinge denkwürdige, in Brüche gegangene Beziehungen manifestierten. So traurig das Thema, so fasziniert blieb ich an diesem Abend bis zum Zusperren in der Ausstellung.

Museum of Broken Relationships, Zagreb. Fotos: Mare Milin (2), Alan Vajdic.

Keine andere Form hätte das schmerzhafte Vergehen der Liebe dramatischer, mitfühlender, humorvoller oder schöner in Szene setzen können, als diese Sammlung. Sehr wahrscheinlich wären die meisten Erzähler*innen daran gescheitert, eine fiktive Realität so unperfekt, zufällig und obskur zu verfassen. Der Eindruck aber, tatsächlich Erlebtes zu sehen, „wahrhaftig“, im Originalzitat, mit einem (fast) greifbaren Ausstellungsstück als stummen Zeugen, machte selbst aus kleinen Begebenheiten eine große Sache. Auf was ich hier in Zagreb stieß, war eine mitreissende Schnittmenge aus partizipativer Kulturarbeit, Oral History, Alltagssoziologie und Storytelling.

Eine Neudefinition von „Zuhören“

Etwa zur gleichen Zeit suchte die Diözese Linz Ideen für ein Profilprojekt, um das 50-jährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht nur in dessen Sinne zu feiern, sondern zum Anlass zu nehmen, zentrale Gedanken dieses Aufbruchs zu erneuern. Von 2013 bis 2015 sollte ein dreistufiger Prozess vom „Zuhören“ über das „Deuten“ zum „Handeln“ führen. Als „Aggiornamento“ bezeichnete Papst Johannes XXIII. die Öffnung seiner Glaubensgemeinschaft – und eine Öffnung sollte auch mit dem Erinnern daran einher gehen. „Zuhören“, so war damals die Ausgangsidee, könnte bedeuten, über eine wissenschaftliche Studie herauszufinden, wie es den Menschen in Oberösterreich wirklich geht. Wo im Alltag der Schuh drückt und wo die Kirche in der Begleitung ansetzen sollte.

Unter dem Eindruck des „Museums of Broken Relationships“ und einer Memory Wall bei einer im Amsterdamer Tropenmuseum besuchten Ausstellung zum Thema „Tod“ („Death Matters“), schlug ich den Projektverantwortlichen der Diözese vor, das Zuhören als „Social Exhib“-Projekt zu realisieren; die Menschen in den Pfarren einzuladen, ihre Gefühle, Erfahrungen und Geschichten miteinander zu teilen. Die Idee begeisterte und wir schufen „LebensZEICHEN“, eine achtteilige, partizipative Ausstellungsserie. Ein Projekt, an dem sich rund um die Diözese acht Pfarren (Perg, Kirchheim im Innkreis, Attnang-Puchheim, Linz, Bad Ischl, Sarleinsbach, Steyr, Grieskirchen), die Katholisch-Theologische Privatuniversität, das Katholische Bildungswerk und die Kunstuniversität Linz beteiligten.

  • LebensZEICHEN
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LebensZEICHEN: Plakate, Objekte, Ausstellungen. Plakate: Netural, Fotos: Violetta Wakolbinger.

Jeweils zwei Begriffe bildeten die thematischen Pole für eine Ausstellung, bewusst so gewählt, dass sie viele biografische Berührpunkte finden: „Alt/Jung“, „Lärm/Stille“, „Geburt/Tod“, „Gemeinsam/Allein“, „Krank/Gesund“, „Mut/Angst“, „Nähe/Ferne“ und „Frust/Freude“. Die Menschen in den teilnehmenden Einzugsgebieten waren aufgerufen, Objekte zu bringen und dazu ihre Geschichten zu erzählen, wie schon im „Museum of Broken Relationships“. Mit einem Unterschied: Eine Trennung auf Dauer verlangten wir bei LebensZEICHEN nicht, alle Leihgaben gingen nach den Ausstellungen an ihre Eigentümer*innen zurück. Und die Orte? Zunächst sollten leerstehenden Geschäftslokale Locations sein, weil mitunter auf Stadtplätzen oder sonstwie mitten im Geschehen. Aufgrund des Vorlaufs und der vorhandenen Infrastruktur erwiesen sich Gemeinde- und Bildungseinrichtungen, Krankenhausfoyers und Kulturstätten als die machbareren PopUp-Alternativen. Wichtig jedoch: Raus aus den üblichen Einrichtungen der Kirche!

TV-Bericht von Austria24.tv zur ersten Ausstellung von „LebensZEICHEN“ im oberösterreichischen Perg.

Über 400 Exponate ergaben den Kern der acht auf jeweils zwei Wochen angesetzten Social Exhibs. Zudem war eine Teilnahme via Instagram möglich, also auch ein Fern-Einbringen von Fotos zu den jeweiligen Themen. Ein echter Erfolg: Tausende Menschen besuchten von Oktober 2013 bis März 2014 die Ausstellungen, lasen die Geschichten – und erzählten auf den Vernissagen und Finissagen ihre eigenen. Es entstand eine Website, ein 330 Seiten starker Bildband – und tatsächlich, wie ursprünglich am Radar, eine wissenschaftliche Studie. Natürlich war LebensZEICHEN ein Projekt, das in seiner Dimension nur möglich wurde, weil man über die beteiligten Pfarren auf unzählige ehrenamtliche Helfer*innen zurückgreifen konnte. Aber auch ein Projekt, das ein mutiges und modernes Verständnis von Kultur zeigte – spätestens seit dem Kulturhauptstadtjahr eine neue Stärke der Diözese Linz. Ich selbst bin nicht gläubig, dennoch habe ich bis heute das befriedigende Gefühl, mit der Idee zu LebensZEICHEN das „Aggiornamento“ in den Augen Johannes XXIII. wirklich gut getroffen zu haben.

Die Summe vieler Teile

Ein paar Jahre später, 2018, stand ein völlig anderes Ereignis an. Wieder ein Jubiläum, diesmal allerdings „nur“ ein 20-jähriges, wenngleich für den „inneren Kreis“ nicht minder spirituell: Mein langjähriger Dienstgeber, Netural, feierte seine Gründung (und die spannende Zeit seither). Netural schlüpfte in der Studentenwohnung von Lydia und Albert Ortig als – wie es damals noch hieß – „Agentur für Neue Medien“ und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem führenden Entwickler digitaler Services. Ich war bei Netural abseits meiner Kundenprojekte für Public Relations und Business-Events verantwortlich. So lag es an Lydia und mir, den Feierlichkeiten eine Form zu geben.

Das Unternehmen konnte auf eine lange Tradition kreativer Veranstaltungen zurückblicken: Drei internationale Konferenzen, legendäre, künstlerisch angehauchte Herbstfeste, stimmige Kundenevents, Vernissagen, beliebte Familiengetogethers, jährliche Mitarbeiter*innen-Tage. Die Latte für eine 20-Jahre-Sause lag hoch, zumal diese ja auch alle mitnehmen sollte: das Team, Ehemalige und Spin-offs, unsere Vis-a-vis bei den Kunden und langjährige Freund/innen des Hauses. Nur Politiker*innen und Journalist*innen nahmen wir von der Liste. Schließlich sollte die Feier „für uns“ sein und kein PR-Stunt. Als Location wählten wir die „Étage Lumière“ in der Tabakfabrik Linz – mitunter, weil nur wenige Schritte von unserem Office entfernt. Als Termin den 4. Oktober 2018. Als Titel „Love“.

Einen gewissen Hang zur Qualität vorausgesetzt, lassen sich Fragen zu Live-Musik und Catering konventionell und doch stilsicher beantworten. Eine außergewöhnliche Atmosphäre zu dekorieren, ist schon nicht mehr so einfach. Aber wir wollten mehr, schließlich sollten Gäste an diesem Abend unsere Schwingungen erleben, möglichst unmittelbar spüren, wie wir uns selbst wahrnehmen, als Summe unserer Aspekte und Momentaufnahme einer Entwicklung. Ein „Best of Netural“ und doch keinesfalls eine Leistungsschau. Mir fiel Peter Greenaways großartige Ausstellung „100 Objects to represent the World“ ein, die 1992 in der Wiener Hofburg, im Semper Depot und in der Akademie der bildenden Künste zu sehen war. Und auch das Thema „Partizipative Ausstellungen“ hatte mich stets weiter verfolgt.

  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
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  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE
  • 20 Jahre Netural Ausstellung LOVE

LOVE – 20 Jahre Netural: Die Exponate. Fotos: Martin Sighart | Netural.

So machten wir uns dran, mit allen Netural-Mitarbeiter*innen eine Social Exhib zu initiieren, die genau nur eine Party lang zu sehen sein würde: „20 Objects to represent Netural“. (Unschwer zu erkennen: Mein Faible für gestohlene geborgte Titelzeilen. „Love“ zitierte übrigens das Bühnenbild der Get Well Soon-Tournee 2017.) Greenaways Konzept selbst wandelten wir ab. Wir trugen nicht nur Dinge zusammen, die Netural „mit Röntgenaugen durchleuchten“ sollten (O-Ton Facebook-Post), wir verwoben uns selbst in die Exponate – mittels Fotos, Videosequenzen, Zitaten, statistischen Zahlen. Das Kuratieren und Inszenieren legten wir in die Hände des Designers, Künstlers und DJs Franzthomaspeter (seit 2019: Fred Kobayashi), der schon bei früheren Festen für sperrigschöne Ambiente verantwortlich zeichnete und somit längst Teil unserer Familie war. Dank seines G’spürs entstand eine liebevoll-ästhetische Galerie mit viel feinem Humor, kaum Sentimentalität und dem Show-off-Regler auf null gedreht: die Bleistift-Evolution, Neturals verwunschener „Einhornwald“ im Terrarium, 56 liebste „Love-Momente“, ein essbares „Stück vom Glück“ oder „60 Shades of Bunt“ als Hex-Hex, um nur einige der Stationen zu nennen. Unsere 300 Gäste staunten.

Das Resümee auch hier: Ohne die Partizipation der Mitarbeiter*innen wäre das Ergebnis ein anderes gewesen. Nicht zwingend ästhetisch schwächer, doch weitaus weniger emotional. Natürlich kann man geteilte Erinnerungen und gar zu persönliche Artefakte als Duselei abqualifizieren. Der Grat mag mitunter schmal sein. Form und Inszenierung – Bühnenbild, Kostüm, Text, wenn man so möchte – bleiben im günstigsten Fall Aufgabe der Kunst. Doch wir alle sehnen uns danach, Teil einer Geschichte zu sein, die eigene Story in einem übergeordneten Narrativ zu verankern – heißt dies doch schlicht, Bedeutung zu erfahren. Sich und andere in einer Erzählung wiederzufinden, bindet. Auch dort, wo man jemanden nicht persönlich kennt. Und allein zu wissen, dass das Zusammengetragene auf tatsächlichen Begebenheiten beruht, macht einen enormen Unterschied. „Employee Generated Storys“ schaffen eines: Unmittelbarkeit. Sie wandeln ihre Aufführungsorte in Unternehmen oder Organisationen von (Re-)Präsentationsflächen in Möglichkeiten- und Teilhaberäume.

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Foto: Martin Sighart | Netural.

Kommentare an: Social Exhib: Meine Story, mein Anker

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