Kunst liefert Möglichkeiten für Wahrnehmungen. Bietet neue, interessante Standpunkte. Lotet Grenzen aus, spielt mit ihnen. Zieht Aufmerksamkeit auf sich, polarisiert. Nimmt vorweg, ist Triebfeder des Wandels. Führt in ein sinnliches Erleben, emotionalisiert. – Ja, und vieles mehr. – Daher ist sie auch für Wirtschaftsbetriebe interessanter, als gerne angenommen.

Kunst spendiert wertvolle Impulse. Die Auseinandersetzung mit ihr fördert unsere konstruktive Entwicklung als Gesellschaften. Diese Erfahrung eint 2021ff die gebildete Menschheit. Unzählige Museen, Opernhäuser, Theater, Galerien, Verlage (…) zeugen als Institutionen davon – und finden sich an fast allen Orten rund um den Globus. So weit, so wunderbar glatt.

Weit weniger konform beantwortet sich die Frage, was den Kunst überhaupt sei. Eine Abgrenzung erscheint unmöglich. Kunst ist, was wir unter Kunst verstehen wollen. Ein reales Phänomen, das sich schnell seiner Definition entzieht. Diese Eigenschaft gestaltet jede Diskussion über Kunst, vor allem an Rändern und über Ränder hinaus, tricky. Doch großzügig Denkende können selbst diese Unsicherheit – wenigstens bis zu einem gewissen Grad – wohlwollend zulassen.

Kunst als Sparringpartnerin

Was hat dies alles nun mit Wirtschaft zu tun, einer (Un-)Ordnung, die auf der ersten Blick völlig anders verfasst ist? – Viel, denke ich. – Denn wenn wir uns schon uns darauf verständigen (und davon überzeugt sind), dass Kunst gesellschaftlich Wirkung zeigt, dann dürfen wir auch annehmen, dass sie Teilsysteme und nicht nur „das Ganze“ bestärken kann. Daran ändert die Tatsache, dass die meisten Bereiche der Wirtschaft fast gegenteilig „funktionieren“ – zweckrational, gewinnorientiert, fokussiert auf Wettbewerb, Planungssicherheit und Messbarkeit – wenig. Im Gegenteil: Gerade durch ihre Andersartigkeit tut sich Kunst als taugliche Sparringpartnerin hervor.

Vannini: Lorenzo Medici
Lorenzo il Magnifico Medici mit den Künstlern Verrocchio, Bertoldo di Giovanni, Luca Fancelli, Michelozzo di Bartolomeo, Leon Battista Alberti (von links) und Michelangelo (rechts). – Fresko von Ottavio Vannini, 1638–42.

Das ist nun nichts völlig Neues. Die „schönen Künste“, wie sie bis zur Moderne gerne tituliert wurden, erwiesen sich schon früh als Projektionsfläche bestehender Machtverhältnisse. Ihnen eilte der Ruf voraus, die Welt mit Interpretationen einschlägig Talentierter zu schmücken und sie so zu einem besseren Ort zu machen. Häufig taten sich jene, die die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten vorfanden, als Mäzen*innen hervor. Etwa die Familie Medici im Florenz der Hochrenaissance, die niemand anderen als Meister Michelangelo auf die Payroll setzte, um Prestige und Einfluss zu gewinnen.

Als „affirmativ“ würde man so manche Form der Aneignung heute abqualifizieren. Gleichzeitig boten Auftragsarbeiten für Herrschende, die Kirche und das reicher werdende Bürgertum über Jahrhunderte hinweg die attraktivste – und mitunter einzige – Schaffensgrundlage.

Keine Zähmung Widerspenstiger

In den letzten 150 Jahren brachen viele Künstler*innen mit dieser Vereinnahmung und etablierten sich als Widerspenstige, als kritische Begleiter*innen sozialen und kulturellen Wandels. Nicht ganz zufällig fiel diese Entwicklung mit der Entmachtung des Adels und der Kirchen zusammen – und damit dem Wegfall der „Enabler des Hehren“. Statt dessen entstand ein Kunstmarkt, um Liebhaber*innen und Spekulant*innen zu bedienen, und Staaten sprangen als Fördergeber ein. Jetzt durfte die Hand, die füttert, auch gebissen werden – ja, verlangte sogar, zumindest in aufgeschlossenen Demokratien, danach. Kulturverständige Unternehmer*innen fokussierten, sofern auf Gegenleistung bedacht, mit ihren Sammlungen und Sponsorships auf Imagetransfers, auf Distinktionsgewinne.

Was Kunst leistet. Foto: Reinhard Winkler. DIE FABRIKANTEN / Secrets.
Kunst leistet „spürbar“ vieles, was klassische Organisationsentwicklung nur auf Papier bringt.

Mit dem 21. Jahrhundert ändert sich nun auch dieses Bild. Mit dem Ergrauen der Avantgarde erodiert das Dogma „L’art pour l’art“, „Kunst der Kunst wegen“. Nicht, dass ich diese Freiheit an dieser Stelle (oder an irgend einer anderen) je zur Disposition stellen möchte. Doch wird heute eine Durchlässigkeit zu anderen Disziplinen – zur Wissenschaft, zur Politik, zum Gemeinwesen und eben zur Wirtschaft – sichtbar, die unmittelbar von Künstler*innen selbst ausgeht. Kollektive wie das Zentrum für politische Schönheit, Rimini Protokoll, die Story Dealer, Qujochö, Die Fabrikanten und viele andere greifen mit Interventionen ins Geschehen ein und werfen ihre Fragen anhand von Erfahrungsräumen auf, die sie mit ästhetischen Mitteln aufsperren und inszenieren. Kunst als soziale Aktivität – und nicht als Spiegel der Wahrheit. Sie rücken damit der „angewandten Kunst“ – also dem Design, der Architektur, der Mode – deutlich nahe; nur dass sich Schöpfungen weniger auf Alltagsgegenstände beziehen, als auf Begegnungen, Empathie, Bewusstsein, Motive. Rezipient*innen werden zu Akteur*innen und wachsen daran.

Mehr Innovationsgeschick, Strahlkraft, Resilienz

Hier kommt eine freie Marktwirtschaft ins Spiel, die sich im Wettlauf ausgepowert hat, vielfach exploitiert statt Nutzen stiftet – und zunehmend den Bezug zu ihrem gesellschaftlichen Wert verliert. Wie auch – trotz mancher, anders lautender Sonntagsreden – zu den eigenen Mitarbeiter*innen. Mühsam konstruieren Workshop-Teilnehmer*innen aus den Management Floors in Powerpoint gegossene „Whys“ für die Etagen darunter. Anschließend: „Purpose = Check“, retour zum Daily Business. Doch zählt der Wille kaum fürs Werk. Wie wenig nachhaltig korrekte Frömmelei auf Folien Körper, Geist und Seele einer Organisation durchdringt, darf jede*r dort am besten überprüfen, wo die Auslagen mit guten Absichten vollgestellt werden.

Detto unter Druck: Das Andocken an Kunden und Märkte. Längst sind in zunehmend komplexen, globalisierten Terrains nicht mehr bloß gut gehütetes Wissen und perfektionierte Praktiken beste Voraussetzungen für einen Erfolg. Zunehmend befeuern interdisziplinäres Denken, Kreativität und Netzwerke Innovationsgeschick, Strahlkraft und Resilienz; Merkmale eines Wandels von der postindustriellen in eine postdigitale Gesellschaft. Wir sehen: Produkte und Dienstleistungen bzw. deren Marken, bislang ummantelt von und etabliert durch Design, Services, Kommunikation (Content) und – sofern resonanzfähig genug – einer Community, benötigen für mehr Konnektivität einen weiteren Layer: Kultur. (Gerne auch: Karisma.) Also bewusst geschätzte wie unbewusst gelebte Werte und Praktiken.

Literatur "Kunst-Unternehmenskooperationen", Foto: Demmel
Langsam – aber zunehmend – kommt das Thema „Kunst fördert Unternehmen“ auch in der Marketing-Fachliteratur an.

„Kunst spendiert wertvolle Impulse.“ Dieser Satz darf gerne ein zweites Mal in diesen Beitrag: Erfahrungen aus der Konfrontation mit Kunst und eine Annäherung an künstlerisches Denken eröffnen die Chance, in der strategischen Kulturentwicklung gewohnte Pfade, Bezugsrahmen und Handlungsmuster aufzugeben und in offeneren Systemen zu navigieren. Change braucht positive Störfaktoren und Kreativitätsressourcen. Follower suchen Werte, Erlebnisse, Beziehungen. Neue Kunst-Unternehmens-Kooperationen zielen daher – unter anderem – auf einen organisatorischen Wandel in Bereichen wie Unternehmensphilosophie und -kultur, Innovation und Führung ab. Und sie laden Marken und Kundenerlebnisse singstiftend auf.

„Nicht mehr Kunstförderung von Seiten der Wirtschaft, sondern Wirtschaftsförderung von Seiten der Kunst ist die Perspektive“, schrieb Wolfang Ullrich 2003 in seiner Polemik „Tiefer hängen: Über den Umgang mit der Kunst“. Dieser Gedanke ist nun 18 Jahre alt.

Und wird schön langsam erwachsen.

More to come.

Fotos:
Key Visual: DIE FABRIKANTEN
Medici: Wikimedia Commons | CC BY 2.0
Background „Kunst liefert …“: Reinhard Winkler aus dem DIE FABRIKANTEN-Projekt „Secrets“ mit Ilona Roth
Bücher: Ernst Demmel

Kommentare an: Art-driven /1: Kunst fördert Wirtschaft

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