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Praktisches New Work

Kreativität: Von der Begabung zur Kulturtechnik

Wer Ideen nicht so leicht aus dem Ärmel schüttelt, kann mit wenigen Kniffen den kreativen Output erhöhen.

Früher war Kreativität den Kreativen vorbehalten – und damit Werber:innen, Designer:innen oder Künstler:innen. Heute ist sie als Anforderung in viele Job Requirements eingesickert. Wer nun Ideen nicht so leicht aus dem Ärmel schüttelt, kann mit wenigen Kniffen den kreativen Output erhöhen.

Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ – Dieses Zitat wird Karl Kraus zugeschrieben, obwohl es angeblich einem Dialog von Wolfgang Neus und Wolf Biermann entstammt. Aber egal. Dieses kritische Bild ist nämlich deshalb interessant, weil es die zentralen Fragen im Umgang mit Kreativität plakativ zur Rede stellt: Die Überzeugung, dass unsere Gedanken nicht „reichen“. Und die Tatsache, dass wir zu viel Scheu davor haben, unsere Ideen zu äußern.

In unseren Tagen werden der Kreativität geradezu magische Qualitäten und Wirkungen zugesprochen. Dies wahrscheinlich auch deshalb, weil viel „Undenkbares“ in den letzten Jahrzehnten aus unserer berechenbaren Realität ausgesperrt war. Diese Defizite werden jetzt massiv spürbar. Künstler:innen und andere „Spinner“ waren in den Unternehmen ja eher verpönt. Routine und Bewährtes waren gefragt.

“Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch tätig zu sein. Nur merken es die meisten nie.”

Truman Capote

Aber obwohl Kreativität zum Buzzword des digitalen Zeitalters geworden ist, scheint sie immer noch einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten zu sein: Informatiker:innen wird beispielsweise unterstellt, dass sie den ganzen Tag schöpferisch arbeiten, Zustellfahrer:innen aber zur Kreativität gar nicht in der Lage seien. So ein Unsinn! Diese Einstellung erinnert an die Feudalherrn von früher, die den Bauern und Bäuerinnen nichts zugetraut haben, eben weil sie solche waren. Aber jetzt kommen ausgerechnet aus dem algorithmischen Silicon Valley Signale, dass „Kreative“ händeringend gesucht werden.

Aber wer sind sie denn, diese gesuchten Geister, die sich oft in Agenturen eingenistet haben und dort zu Web-Nerds oder Digital-Grafikern mutiert sind. Einige von ihnen sind dann schließlich im Outback der Computerspiele gelandet, in technischen Büros oder in freier Wildbahn. Oder nehmen wir die sogenannte „kreative Buchhaltung“. Sie stand ja lange Zeit für eine besondere – wenn auch schlecht beleumdete – Finesse im Umgang mit Bilanzgestaltung und Finanzamt. War sie die erste „Applikation“ von Gehirnschmalz außerhalb textlicher, grafischer, kompositorischer oder technischer Leistungen? – Wohl kaum.

Mit Leichtigkeit etwas Neues schaffen können: Wunschdenken oder gekonnter Zugriff auf die Quellen der Inspiration?

Wenn man das nur wüsste! Es kennt wohl jeder den Flow, bei dem uns ein guter Gedanke nach dem anderen wie ein Film durch unseren Kopf geht. Manchmal müssen wir aber etwas nachhelfen, um kreativ in Fahrt zu kommen.

  1. Bürokratie reduzieren, die unsere geistigen und zeitlichen Freiraum zuschütten. Pausen und Abstand zum Handy sind starke Verbündete des Ideengenerators in uns.
  2. Den Austausch mit anderen pflegen (nicht umsonst ist die Kaffeeküche in den Betrieben das Kommunikationszentrum Nummer 1). Und im Homeoffice? Tagträume zulassen und Nonstop-Produktion nicht mit Produktivität verwechseln.
  3. Das Thema mit anderen Augen sehen. Dazu kann schon ein bisschen Frischluft beitragen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass auch große Geister ihre Ideen beim Gehen und Wandern in die Reihe bekommen haben.
  4. Die Ideenphase immer von der Bewertung trennen … und zunächst einmal möglichst viel in den Ideentrichter werfen; da hat der innere Zensor zunächst einmal Funkstille. Wir bewerten (fast) immer zu früh, und das killt die fluency im Kreativprozess.
  5. Suchspannung aufkommen lassen und sie als Antrieb nützen. Anders gesagt: den inneren Backofen einschalten und mit Freude feststellen, wenn einem ganz heiß wird bei dem Versuch, auf Ideen zu kommen. Das ist dann productive struggle, der Kampf des Neuen gegen das Vertraute.
  6. Jede Idee als einen Schatz begreifen, der einem anvertraut ist; jede Idee als eine Geistesleistung ansehen, die es wert ist, weitergedacht und entfaltet zu werden … dann zieht ein Bild das nächste nach sich. Es ist zwar nicht jede Idee eine Lösung, aber ohne Ideen gibt es keine Lösung.
  7. Und nicht zuletzt: „Ideen muss man behandeln wie die Kinder … man muss sie annehmen und lieben.“ – Das hat mir mein Kreativitätstrainer Bernd Rohrbach schon vor Jahren beigebracht, und ich bin ihm schon mein ganzes (Kreativ-)Leben lang dankbar dafür.

Foto: Ian Dooley | Unsplash.

Von Harald Jeschke

Harald Jeschke ist Kommunikationsberater und Autor bzw. Ghostwriter zahlreicher Sachbücher und Biografien. Er war Leiter des Fachbereiches Text, Presse, PR eines internationalen Konzerns und Mitinhaber einer Werbeagentur. Heute sind seine Beratungsschwerpunkte der Aufbau, das Ausrichten und die Festigung der inneren Beziehungen von Organisationen und die Verständlichkeit von Botschaften und Zusammenhängen. Er hat Büros in Oberösterreich und Tirol und unterstützt Berater*innen, Dienstleister und Anbieter erklärungsbedürftiger Produkte und Services mit Text4Transition beim analogen und digitalen Aufbereiten und Vermitteln ihrer Expertise (www.harryjeschke.at).

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