Sabine Zinke und Caroline Sturm begleiten ihre Auftraggeber:innen in der wertebasierten Infrastrukturgestaltung. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Gestaltung von Arbeitsumgebungen – im Interview sprechen die beiden Expertinnen über die Wirkung und Bedeutung von Räumen für Organisationen.

Wie können Räume auf Menschen wirken?

SZ: Wir alle erleben das ständig – Räume beeinflussen uns. Unsere unmittelbare Umgebung fördert bzw. behindert gewisse Verhaltensweisen, auch und vor allem unsere Arbeitsumgebung, in der wir einen Großteil unseres Tages verbringen. Erinnern wir uns an die kleinen, schmalen Teeküchen von früher, in denen niemand gerne verweilte. Wenn wir hingegen an großzügige Work Cafés denken, die es heute vielerorts gibt, dann sind die weitaus einladender: Sie regen an, zu bleiben und zu kommunizieren. CS: In einem Wald verhalten wir uns anders als in einer Kirche, in einem Kaffeehaus oder in einem Bahnhof. Der architekturpsychologische Effekt von Räumen ist wissenschaftlich bewiesen. Räume haben Macht über Menschen, wenn man so will, natürlich auch in der Arbeitswelt – mit ihren Zuschnitten, ihrer Atmosphäre, ihrer Beleuchtung, mit der Infrastruktur, die sie bieten. Sie haben großen Einfluss darauf, ob Menschen sich wohl fühlen und wie sie in einer Organisation zusammenarbeiten.

Sind sich Unternehmen dieser Wirkung bewusst?

SZ: Viele Unternehmen wissen heute, dass sie eine attraktive Arbeitsplatzgestaltung brauchen, um im War for Talents erfolgreich sein zu können. Oftmals bleibt es allerdings bei fancy und shiny Oberflächen. Die nächste Stufe ist die, sich bewusst zu überlegen, welche Art von Kultur, welche Art von Kommunikation man als Unternehmen fördern will.

„Über Leitbilder und Werte lässt sich viel diskutieren, aber sie bleiben mitunter abstrakt. An und in Räumen wird Kultur unmittelbar greifbar und lebbar.“

CS: Räume sind in der Tat physische Manifestationen der Kultur einer Organisation. Mit der Gestaltung von Räumen lässt sich wie gesagt aktiv steuern, wie sich die Menschen darin verhalten. Ein Beispiel: In einer kleinteiligen Zellenstruktur mit geschlossenen Türen lebt das Zellendenken und in einer offenen oder halboffenen Struktur wiederum wird bereichsübergreifendes Denken gefördert. Räume sind ein Managementinstrument. Sie können eine Kultur unterstreichen oder auch in Bewegung bringen.

SZ: Eines ist dabei wichtig: Die Ausgestaltung von Räumen muss grundsätzlich zur Kultur einer Organisation passen. Eine tolle Lounge-Atmosphäre wird etwa nicht genutzt, wenn der Austausch unter den Mitarbeiter:innen nicht gewünscht ist. Wenn Führungskräfte grimmig blicken, wenn sich Menschen dort aufhalten und plaudern, dann werden sie sich höchstwahrscheinlich davor hüten, sich dort zu treffen.

Wo setzt ihr zuerst an in eurer Arbeit für Organisationen – bei der Kultur oder bei der Neugestaltung von Räumen?

CS: Wir orientieren uns erstmal daran, wie eine Organisation tickt, und analysieren die ihr innewohnende Kultur. Dann versuchen wir, einen partizipativen Prozess zu initiieren und die Menschen vor Ort einzubinden: Wie nehmen sie Räume an oder eben nicht. Das ist die Basis für die räumliche Neugestaltung. Dreh- und Angelpunkt sind dabei immer die Kultur und die strategischen Leitplanken, die sich eine Organisation als Ziel setzt.

„Räume sind ein Managementinstrument, sie können eine Kultur unterstreichen oder auch in Bewegung bringen.“

SZ: Wir nutzen dann die Veränderung des Raums für die Kulturveränderung. Aus unserer Erfahrung wissen wir: Über Leitbilder und Werte lässt sich viel diskutieren, aber sie bleiben mitunter abstrakt. An und in Räumen wird Kultur unmittelbar greifbar und lebbar. Auch Führungskultur zeigt sich anhand von Räumen – es macht einen Unterschied, ob eine Führungskraft in einem abgeschiedenen, gediegenen Büro residiert, oder ob sie im gleichen Umfeld arbeitet wie alle anderen Mitarbeiter:innen.

CS: In vielen Organisationen gibt es nicht unbedingt nur Schwarz oder Weiß, was die Arbeitskonzepte betrifft, und daher auch fließende Übergänge bei den Räumlichkeiten. Umso wichtiger ist es, sich der spezifischen alltäglichen Wirkung bewusst zu sein. Wir haben gemeinsam mit Partnern zur Orientierung vier prototypische Arbeitswelten entwickelt – Function Based, Activity Based, Content Based und Purpose Based – und damit eine Art Wimmelbild erschaffen, das die Wechselwirkung von Räumen, Strukturen und Arbeitsweisen anschaulich visualisiert. Das eignet sich gut als Startpunkt und Verdeutlichung unseres Ansatzes der wertebasierten Infrastrukturgestaltung.


Tipp zur Vertiefung: Das M.O.O.CON Wimmelbild (siehe oben) mit den vier prototypischen Arbeitswelten – Function Based, Activity Based, Content Based und Purpose Based – kann unter www.explore-nextwork.com interaktiv erforscht werden.


Sabine Zinke und Caroline Sturm gestalten beim 24butterfly Corporate Karisma Festival einen Workshop (“Explore Next:work”, 2. Mai) und einen Impuls (“Räume wirken”, 3. Mai).

Sabine Zinke ist Organisationspsychologin und war einige Jahre im HR-Bereich tätig. Seit neun Jahren ist sie bei M.O.O.CON. Caroline Sturm ist Architektin, hat einen MBA in Innovationsmanagement und ist seit acht Jahren bei M.O.O.CON. Am 24butterfly Festival zeigt Sabine, wie Räume wirken und Caroline stellt die vier prototypischen Arbeitswelten vor.

Programm und Tickets: https://24butterfly.com.

Sabine Zinke
Sabine Zinke

 

Caroline Sturm
Caroline Sturm
Kommentare an: Mit der Gestaltung von Räumen aktiv steuern, wie sich die Menschen darin verhalten

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